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Völlig überschätzt

Bevölkerungsforscher Herwig Birg – der demographisch interessierte Stammleser kennt ihn bereits – im Interview:

„DIE WELT: Niedrige Geburtenraten, die nicht zur Bestandserhaltung reichen, plagen fast alle Industriestaaten. Was war dafür ausschlaggebend? Die Pille oder der Kapitalismus?

Birg: Die Pille wird völlig überschätzt. Sie war nur Mittel, ein Ziel zu erreichen, das man ohnehin hatte – nämlich keine Kinder zu haben. Die Pille ist also nicht ursächlich, sondern bestenfalls verstärkend. Und der Kapitalismus? Der Ökonom Joseph Schumpeter sprach von der Selbstausbeutung des Kapitalismus in demographischer Hinsicht. Wenn der Wohlstand wächst, sinkt die Geburtenrate, weil in entwickelten Ländern wie Deutschland Kinder für die Eltern häufig einen Wohlstandsverlust bedeuten. Diese Selbstausbeutung nach innen ist inzwischen gepaart mit der demographischen Ausbeutung anderer Länder. Hier tritt ein neuer Kolonialismus zutage: Wir wollen die Besten importieren und profitieren von Menschen, die anderswo eine Lücke hinterlassen. Das ist desaströs.“ [Die Welt]

Herwig Birg: Die ausgefallene Generation. Was die Demographie über unsere Zukunft sagt. Verlag C.H. Beck, München, 158 Seiten, 16,90 Euro.

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Wo bleibt das Positive?

Hier! Der demographische Wandel mag ein Problem sein, aber die steigende Lebenserwartung eher nicht. Meint Thomas Fricke in der FTD:

„Wenn wir immer länger im Diesseits verweilen, hat das Land am Ende immer mehr Alte, die krank werden und teuer behandelt werden müssen. Sollte man meinen. Nur lassen neue Studien jetzt auf das Gegenteil schließen: auf erstaunlich mäßige Kosten und enormen Nutzen, den jedes gewonnene Lebensjahr bringt. Das könnte einen gewichtigen Teil deutscher Untergangsfantasien ad absurdum führen. Womöglich müssen wir zu unserem Glück ja viel mehr Geld für teure Medizin und erhöhte Lebenschancen ausgeben – nicht weniger.“

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Ende der Reformation

Anglikanische Traditionalisten planen die Rückkehr nach Rom. Primas John Hepworth hat den Auftrag erhalten, einen Plan dafür zu entwickeln.

„Es gibt keine trennenden Lehrunterschiede zwischen uns und Rom, die uns hindern würden, miteinander in voller Gemeinschaft zu stehen“, erklärte der anglikanische Erzbischof in einem Interview mit einer Tageszeitung.

„Die Zeit scheint für die ‘Traditionelle Anglikanische Gemeinschaft’ zu arbeiten. Wir könnten die 27. kirchliche Gruppe werden, die in Gemeinschaft mit Rom tritt – die erste, die von der Reformation berührt wurde.“

„Meine weite Hoffnung ist, das Ende der Reformation des 16. Jahrhunderts zu sehen“, erklärte der anglikanische Bischof. [kreuz.net]

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Anbetung

Welt-Korrespondent Paul Badde aus Anlass der Weltbischofssynode, mit der das Jahr der Eucharistie endet.

„Die katholische Kirche betet keine Heiligen an. Sie betet auch nicht Maria an, die von Katholiken und Orthodoxen in Ost und West seit dem Konzil von Ephesus im Jahr 431 als Gottesmutter verehrt wird. Sie betet aber tatsächlich dieses Stück Brot an, von dem nach der Lehre der katholischen Kirche geglaubt wird, dass es sich im Akt der Wandlung in jeder katholischen Messe bleibend in den Leib Christi verwandelt hat.

Große Denker und Heilige von Johannes vom Kreuz in Spanien bis zu Edith Stein in Deutschland hätten sich für diesen Glauben die Haut abziehen lassen. Offenkundig ist das aber nicht nur von anderen Konfessionen und Religionen, sondern auch von immer Katholiken kaum noch nach zu vollziehen. Dennoch bleibt es Herzstück des katholischen Glaubens.“ [kath.net]

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Verba ultima

Peter Glotz‘ handschriftliche Gliederungspunkte am Schluss seines letzten Manuscripts:

„Die Verkennung der Macht des Nationalstaats. Das großmäulige Verspielen der europäischen Option. Gegen Kohls ökonomischen Kurs der Wiedervereinigung. Das Leben im Krankenhaus. Das unwürdige Leben. Das Vorleben eines Sterbens unter Leiden durch Johannes Paul II. Aber ich bin nicht der Papst. Ich muss nicht symbolisch sterben. Der begleitete Tod.“ [Spiegel Online via Mario Sixtus]

Klärungsprozesse

Noch vor der Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Papst hatte ich vermutet, dass seine Person in der hiesigen Kirche längst überfällige Klärungsprozesse in Gang setzen würde. Nun scheint es, als ob ein solcher Prozess noch viel schneller und heftiger als erwartet begonnen habe – allerdings im Verhältnis der Kirche zu den kirchlichen Gemeinschaften reformatorischer Provenienz. Mit Ereignissen wie dem seltsam begründeten Ausstieg aus der Einheitsübersetzung und den Interventionen der Landesbischöfin von Hannover brechen Konflikte auf, die lange Zeit unter dem Teppich gehalten werden konnten. Gut so.

Franz von Assisi


Altissime, omnipotens, bone domine,
tuae sunt laudes, gloria, honor er omnis benedictio,
tibi soli referendae sunt
et nullus homo dignus est te nominare.

Lauderis, domine deus meus, propter omnes creaturas tuas
et specialiter propter honorabilem fratrem nostrum solem,
qui diescere facit et nos illuminat per lucem;
pulcher est et radians et magni splendoris
et tui, domine, symbolum praefert.

Laudetur dominus meus propter sororem lunam et stellas,
quas in caelo creavit claras et bellas.
Laudetur dominus meus propter fratrem ventum,
aerem, nubem, serenitatem et propter omnia tempora,
per quae omnibus creaturis ministrat alimentum.

Laudetur dominus meus propter sororem aquam,
quae est multum utilis, humilis, pretiosa et casta.
laudetur dominus meus propter fratrem ignem,
per quem noctem illuminat;
ille roseus est, rutilus, invictus et acer.

Laudetur dominus meus propter nostram matrem terram,
quae nos sustentat et alit
et producit varios fructus
et varicolores flores et herbas.

Lauderis, mi domine, propter illos,
qui pro tuo amore offensas dimittunt
et patienter sustinent tribulationem et infirmitatem.
Beati illi, qui in pace sustinuerunt,
quia a te, altissime, coronabuntur.

Lauderis, mi domine, propter sororem nostram mortem,
quam nullus vivens potest evadere.
Vae illis, qui moriuntur in peccato mortali!
Beati illi, qui in hora mortis suae inveniunt se
conformes tuae sanctissimae voluntati,
mors enim secunda non poterit eis nocere.

Laudate et benedicite dominum meum, gratificamini
et servite illi, omnes creaturae, cum magna humilitate!

Anderswo
Pax et bonum: Der größte Heilige für mich
vaticarsten.de: Eine Woche in Assisi

Beiläufig

„Ein neuer Kurs oder nur die beiläufige Erledigung alter Konflikte?“

So fragt der Spiegel (40/2005) in einem recht milden Stück über das Gipfeltreffen zwischen Hans Küng und Papst Benedikt XVI. Offensichtlich ein Thema, an dem der Spiegel zwar qua Chronistenpflicht nicht vorbeikommt, das aber keinen Haken für eine echte Spiegel-Story bietet.

Schrecklicher Gott

Der Luxemburger Ökonom Guy Kirsch nimmt (FAZ vom 1. Oktober) die feine, aber wichtige Unterscheidung zwischen Angst und Furcht vor.

Während die Angst in dem Gefühl einer potentiellen, nicht definierten Bedrohung besteht, ist unter dem Begriff der Furcht jenes Gefühl zu verstehen, das man angesichts einer identifizierten Gefahr hat.

Was insbesondere auch verdeutlicht, warum Gott zwar zu fürchten ist, aber keine Angst machen muss. Andere Instanzen hingegen schon:

Der Staat ist – wie jüngst der Nobelpreisträger James Buchanan in einem Interview gesagt hat – für viele an die Stelle Gottes getreten: Von ihm, nicht aber von sich selbst erwarten sie ihr Heil. Doch ist der Staat – so muß man hinzufügen – zu einem schrecklichen Gott geworden. Von ihm kann manches Unheil ausgehen.

Replik

Richard Mailänder, der Leiter des Referates Kirchenmusik im Erzbistum Köln, weist in einem Leserbrief die Kritik des FAZ-Leitartiklers Daniel Deckers an der musikalischen Gestaltung von Vigil und Abschlussmesse des Weltjugendtags zurück.

So geht sein Angriff auf die „neuen geistlichen Lieder“ glatt am Weltjugendtag vorbei. Wo waren diese hier denn überhaupt? Und was versteht der Autor darunter? Im Schlußgottesdienst war mit „Herr, wir bringen in Brot und Wein“ ein einziges vertreten, sieht man vom Mottolied ab. Alle anderen Gesänge sind kaum unter diesem Begriff zu subsumieren, und falsch ist auch, daß bei der Vigilfeier „durch die Musik die Entstehung einer konzentriert-meditativen Atmosphäre verhindert wurde“. Zweifellos mag man darüber streiten, ob die Taizé-Gesänge in der dort gesungenen Weise weiterentwickelt werden sollen oder ob man sie besser wie ursprünglich komponiert beläßt.