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Beschwerde

Auf der Leserbriefseite der FAZ vom Wochenende führt Hans Küng Klage über die Berichterstattung des Blattes über seinen Besuch in Castel Gandolfo.

Während die meisten deutschen Zeitungen das vatikanische Pressekommuniqué vom 26. September über meine Begegnung mit Papst Benedikt XVI. auf der Titelseite brachten, hat die F.A.Z. eine verstümmelte und mißverständliche Version ihres Vatikankorrespondenten Heinz-Joachim Fischer auf die unterste Ecke von Seite 6 verbannt. […] Schon der Titel „Keine Angst vor Audienzen“ ist falsch, da es gerade nicht um eine „Audienz“, sondern um ein „Gespräch in freundschaftlicher Atmosphäre“ ging. […] Falsche Zitation und vergiftete Komplimente, Ironisierung der Intentionen des Papste, Diffamierung meiner katholischen Grundhaltung und Verfälschung des Projekts Weltethos als Vernunftreligion – etwas zuviel des Bösen. […] Vielleicht aber könnten die Ergebnisse meines Gesprächs mit dem Papst […] dazu beitragen, daß man in der F.A.Z.-Redaktion beginnt, meine wissenschaftliche Arbeit ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen. Bisher hat man sie entweder ignoriert oder, wo nicht möglich, schlechtgemacht.

Der Leserbrief ist das Gegenstück zur jüngst erschienenen Glosse über einen Auftritt Küngs in der Frankfurter Paulskirche.

Eichsfelder

Stammleser wissen bereits, dass ich das Eichsfeld meine Heimat nennen darf. Der Landstrich gehört heute teils zu Thüringen, teils zu Niedersachsen. Das Eichsfeld war also, wie sich daraus leicht entnehmen lässt, bis 1989/90 durch den Eisernen Vorhang geteilt. Es war und ist eine katholische Insel mitten im reformatorischen (und heute weitgehend neuheidnischen) NordMitteldeutschland.

Die Eichsfelder haben mit ihrer noch immer tiefen katholischen Prägung mit den Nachbarn im Süden mehrerlei gemein: ihren Stolz und ihr Gottvertrauen, das sich im Alltag als Optimismus und Durchhaltewillen bewährt. Ähnlich wie die Fuldaer in Hessen schildern die Eichsfelder dem Fremden kein Problem, sondern vor allem ihre Chancen. Im umliegenden Stammland der Reformation, in Mühlhausen oder Nordhausen, ist das umgekehrt. Da ist die Grundstimmung in Moll gefärbt, es dominieren Sorgen, Klagen und der Ruf nach dem Staat.

Mit diesen Worten beschreibt Claus Peter Müller in der FAZ vom 1. Oktober treffend, wie ich finde, diesen Menschenschlag, der sich niemals gescheut hat, sich durch Abgrenzung gegenüber dem Umland zu definieren. Das eigentliche Thema ist der Stadtumbau in Leinefelde.

Eigentlich ist Leinefelde keine Stadt. Es war ein kleines Dorf bei Worbis im niederdeutschen Teil des Eichsfelds östlich des oberdeutschen Eichsfelds um Heiligenstadt gelegen. Beide Teile aber waren stets katholisch und damit gegen politische Extreme resistent. Sowohl die Nationalsozialisten als auch später die Sozialisten bekamen das zu spüren.

In den 80er Jahren, als meine Familie regelmäßig ihre entfernten Verwandten im Obereichsfeld besuchte, hatte ich ab und an Gelegenheit, diesen widerständigen Katholizismus aus der Nähe zu sehen. Es war eine fremde, aber zugleich irgendwie vertraute Welt. Den gleichen Eindruck gewann ich ab 1989/90 von der ganzen DDR. In den 60er Jahren war übrigens der heutige Kardinal Joachim Meisner als Kaplan in Heiligenstadt.

Theresia vom Kinde Jesus

Theresia, geboren 1873, trat mit fünfzehn Jahren in den Karmel von Lisieux ein. Damals hatte sie bereits eine ungewöhnlich reiche religiöse Erfahrung. Sie selbst betrachtete Weihnachten 1886 als entscheidendes Ereignis in ihrem Leben; sie erfuhr die Gnade einer „völligen Umkehr“ und verstand von da an die Liebe zu Christus und zu den Menschen als die eigentliche Berufung ihres Lebens. Ihr Leben im Karmel verlief äußerlich sehr einfach; ihr innerer Weg ging steil nach oben. Sie begriff, dass ihre Christusliebe sich in der Kreuzesnachfolge verwirklichen musste. Die Heilige Schrift wurde mehr und mehr ihre einzige Lektüre; innere Prüfungen und körperliche Krankheit waren ihr Alltag. In der Nacht zum Karfreitag 1896 hatte sie ihren ersten Bluthusten; am 30. September 1897 starb sie mit den Worten: „Mein Gott, ich liebe dich.“ Über ihre innere Welt sind wir durch ihre Aufzeichnungen „Geschichte einer Seele“ und ihre von der Priorin gesammelten „Worte“ unterrichtet. Theresia ging auf das Ganze, auf das Große. Sie wollte Jesus mehr lieben, als er jemals geliebt wurde; sie brachte sich der barmherzigen Liebe Gottes als Brandopfer dar; sie wollte alle Menschen lieben, wie Jesus sie liebte. Vor Hochmut wurde sie durch die Erkenntnis bewahrt, dass sie selbst zu alledem völlig unfähig war und nur durch die Kraft der zuvorkommenden Liebe Gottes überhaupt etwas tun konnte. – Papst Pius XI. hat sie 1925 heilig gesprochen und zur Patronin der Missionen erhoben. [Schott]

Der Weg

„O nein, nie habe ich für mich außergewöhnliche Gnaden begehrt … Ich habe kein anderes Mittel als Blumen zu streuen, das heißt, keines der kleinen Opfer, keinen Blick, kein Wort mir entgehen zu lassen, auch die kleinsten Taten zu beachten und sie aus Liebe zu vollbringen.“

„Ich kann mich nur von der Wahrheit nähren. Aus diesem Grunde habe ich nie nach Visionen verlangt …“

„Ich sehe nur ein halbverschleiertes Licht, das Licht, das aus den gesenkten Augen des Antlitzes des Herrn entströmt.“ (Theresia vom Kinde Jesus)

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Europa

Im August hatte ich den Merkur-Essay von Walter Laqueur schon einmal lobend erwähnt. Seinerzeit bin ich allerdings beim Versuch, die wichtigsten Passagen zu zitieren, an der Fülle des Materials gescheitert. Nun hat mir Arnulf Baring (kann sich noch jemand an ihn erinnern?) in der Donnerstagsausgabe der FAZ die Arbeit abgenommen und ausführlich wörtlich zitiert. Hier seine Auswahl:

Nach Befunden der United Nations Population Division lebten im Jahre 1900 21 Prozent der Weltbevölkerung in Europa. Heute sind es weniger als 12 Prozent, 2050 werden es den Vorausschätzungen dieser UN-Behörde nach 7 Prozent und am Ende unseres Jahrhunderts weniger als 4 Prozent sein.

Diesen Projektionen zufolge wird die deutsche Bevölkerung von gegenwärtig 82 Millionen bis Ende des Jahrhunderts auf 32 Millionen sinken, die Einwohnerschaft Italiens wird von 57 auf 15 Millionen schrumpfen, die Spaniens von 40 auf 11,9. Noch dramatischer wird der Niedergang in Osteuropa sein. Bis 2050 wird die Einwohnerzahl der Ukraine um 43 Prozent abnehmen, in Bulgarien werden es 34 Prozent weniger sein, in den baltischen Staaten 25 Prozent, und nichts anderes wird auch in der Russischen Föderation erwartet. Am Ende unseres Jahrhunderts werden im Jemen mehr Menschen leben als in Rußland.

Eine Trendwende hält Laqueur für unwahrscheinlich, da die Geburtenrate in Europa seit 150 Jahren kontinuierlich gefallen sei.

Das Europa des Jahres 2050 wird ein vergreister Kontinent sein. Nehmen wir Deutschland als Beispiel. Hier leben heute 45 Millionen Menschen in der Altersgruppe zwischen 20 und 60 Jahren. Den Hochrechnungen zufolge werden es 2050 nur noch 30 und 2100 bloß 20 Millionen sein, selbst wenn der Zuzug im gegenwärtigen Tempo weitergeht. Um die Wirtschaft des Landes in Gang und den Sozialstaat funktionsfähig zu halten, wird Deutschland unbedingt Hilfe brauchen, und die kann nur von außen kommen. Es wird mehr Einwanderung als heute geben müssen – und dabei gibt es heute in allen europäischen Staaten einen stark wachsenden Widerstand gegen Immigration.

Nächste Frage: Woher sollen die Zuwanderer kommen? Aus Osteuropa wohl kaum, also aus Afrika, dem Nahen Osten und aus Südasien.

Wenn eines von vier Kindern, die heute in Deutschland geboren werden, ausländischen Ursprungs ist, dann wird es in zehn, fünfzehn Jahren eines von drei sein. […] Und die genannten Zahlen sind keine Projektionen, sondern gegenwärtige Realität; etwa 30 bis 40 Prozent der jungen Menschen unter 18 Jahren in westdeutschen Städten wie Köln und Duisburg, in großen Teilen Hamburgs und Frankfurts sind fremder Herkunft.

Und verwurzeln oder assimilieren sich nicht.

Viele der Immigranten von 2005 wollen keine Integration, sie leben in Gemeinschaften, die von der Mehrheitsgesellschaft des Gastlandes vollkommen abgesondert sind. Dies ist gleichermaßen in großen und kleinen Städten der Fall, diese Menschen haben keine deutschen, französischen oder britischen Freunde, sie treffen sich nicht mit ihnen, sehr häufig sprechen sie auch deren Sprache nicht. Ihre Prediger versichern ihnen, ihre Werte und Traditionen seien denen der Ungläubigen weit überlegen, und jeder enge Kontakt mit diesen, auch wenn es Nachbarn sind, gilt als unerwünscht. Die jüngeren Immigranten beklagen sich, zu Opfern gemacht und ausgeschlossen zu werden, aber ihre soziale und kulturelle Ghettoisierung geschieht größtenteils freiwillig.

Was ist mit dem Euro-Islam, der modernen und toleranten Brücke zwischen Orient und Okzident?

Es gibt nur wenige Befürworter des Euroislam, und manche von ihnen […] vertreten eine Version von Religion für ihre aggressiven Anhänger und eine andere, gemäßigte und aufpolierte für nichtmuslimische Europäer, die gern glauben, was sie zu hören bekommen – wenn es nur Hoffnung auf Dialog und friedliche Koexistenz in Aussicht stellt.

Rettung ist kaum von einer neuen multikulturellen Synthese zu erwarten […] Das Erbe der europäischen Linken und die Scharia, europäischer Feminismus und die orthodox-islamische Lebensweise, europäische Kultur und wahhabitischer Islam sind nicht zu versöhnen. Solange Muslime überzeugt sind, ihre Religion solle ihre Politik bestimmen, nicht die Mehrheit, sondern Gottes Wille (wie ihn die Prediger interpretieren) solle entscheiden, werden die Chancen für einen Konsens zum Thema Demokratie gering bleiben.

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Hieronymus

Hieronymus, der gelehrteste der lateinischen Kirchenväter, wurde um 345 in Stridon (Dalmatien) geboren. Seine wohlhabenden christlichen Eltern schickten ihn 354 nach Rom zum Studium der Grammatik, Rhetorik und Philosophie. Nach einem Aufenthalt in Trier und Aquileja begab sich Hieronymus um 373 auf dem Landweg nach dem Orient. In Antiochien musste er die Reise abbrechen, weil er krank wurde. Er lebte dann zwei Jahre bei den Mönchen in der Nähe von Aleppo. Damals begann er außer Griechisch auch Hebräisch zu lernen. Um 379 ließ er sich in Antiochien zum Priester weihen. Einer Einladung des Papstes folgend reiste er 380 über Konstantinopel, wo er Gregor von Nazianz kennen lernte, nach Rom zu einer Synode. In Rom wurde er Sekretär des Papstes Damasus und Mittelpunkt eines Kreises von frommen Damen, zu denen die hl. Marcella und die hl. Paula gehörten. 385 verließ er Rom, nachdem er sich durch seine harte Kritik den Unwillen des dortigen Klerus zugezogen hatte. Er ließ sich jetzt in Betlehem nieder, wo er ein Männerkloster und drei Frauenklöster leitete, an seiner Bibelübersetzung arbeitete, zahlreiche Schriftkommentare schrieb und mit den Theologen seiner Zeit in Briefverkehr stand. Hieronymus war ein Mann mit einem heftigen Charakter, einem unersätt­lichen Wissensdrang und einer großen Liebe zu Christus und zur Kirche. Sein wichtigstes Werk ist die lateinische Bibelübersetzung (Vulgata). Seine Schriftkommentare sind theologisch nicht so bedeutend. Seine Briefe und Streitschriften sind wichtige Dokumente der Zeitgeschichte. Hieronymus starb am 30. September 420. [Schott]

„Christus

ist Gottes Kraft und Gottes Weisheit, und wer die Heilige Schrift nicht kennt, der kennt weder Gottes Kraft noch seine Weisheit: die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen.“ (Hieronymus, Prolog zum Jesaja-Kommentar)

„Denen, die lieben, ist nichts schwer; keine Mühe ist zu hart für den, den die Sehnsucht erfüllt.“ (Hieronymus, Brief 22)

Wortschwall

„Das große Problem des liturgischen Lebens in der heutigen Zeit kommt daher, dass die Feier zuweilen den Charakter des Mysteriums, der den Geist der Anbetung begünstigt, verloren hat. Oft wird man Zeuge eines Wortschwalls von Erklärungen und Kommentaren oder allzu langen und schlecht vorbereiteten Predigten, die wenig Raum lassen für die Kontemplation des gefeierten Mysteriums.“

Max Thurian, zit. von Christoph Haider [kath.net]

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André Glucksmann

„Der Hass ist eine fundamentale menschliche Gegebenheit, er nährt sich selbst, ohne notwendigerweise einen Grund zu brauchen. Für die Gläubigen ist er eine Folge der Erbsünde, für die Psychoanalytiker der Ausbruch des Todestriebes – Eros und Thanatos, Liebe und Tod, bestimmen in ihrer Dualität das menschliche Wesen.“

„Auch die Religion scheint mir nur ein Vorwand. Der französische Soziologe Raymond Aron, der bedeutende Gegenspieler von Jean-Paul Sartre, bezeichnete Hitlerismus und Marxismus als säkulare Religionen. Ich behaupte: Der islamische Fundamentalismus ist eine Säkularisierung der Religion, das heißt eine politische Benutzung der Theologie.“

„Über das Gute, politisch gesprochen das Allgemeinwohl, wurde schon immer gestritten, seit den Griechen im alten Athen. Das ist politischer Pluralismus, der prinzipiell keinen oder wenig Schaden stiftet. Neu ist, dass wir die Existenz des Bösen nicht mehr anerkennen wollen. Wenn es das Böse nicht gibt, ist alles erlaubt: Das ist das Phänomen des gegenwärtigen Nihilismus. Eine Zivilisation gründet sich nicht unbedingt auf das gemeinsam angestrebte Beste, sondern auf die Ausgrenzung, die Tabuisierung des Bösen. Ein Übermaß an Toleranz kann durchaus zur Verkennung des Bösen führen.“ [Spiegel via paxvobis]

André Glucksmann: Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt. Verlag Nagel & Kimche, 288 Seiten, 19,90 Euro

Für wen kommen Sie nun?

Und als er schon fertig geredet hatte, siehe, da kam einer von den Zeitungen und trat zu ihm hin und sprach: Seien Sie gegrüßt, Professor. Der Stifter des Weltethos aber sprach zu ihm: Aus Frankfurt seid ihr? Seid ihr nicht ausgezogen gegen mich wie gegen einen Räuber mit Schwertern und Stangen, mich zu fangen? Habt ihr nicht nur auf der sechsten Spalte der sechsten Seite über mein Gipfeltreffen mit dem Papst berichtet und meine Werke durch Gegenrede geschändet? Warum sucht ihr mich hier? Habe ich doch täglich in Tübingen gesessen undgelehrt, und ihr habt mich totgeschwiegen. Und also stellte er die Frage, und wir zitieren ihn wörtlich: „Für wen kommen Sie nun, lieber Freund?“

Prolog eines Artikels [0,85 EUR] von Malte Herwig im Feuilleton der FAZ über Hans Küng in der Frankfurter Paulskirche

Übrigens habe ich gerade eine halbe Stunde lang verschiedene Übersetzungen verglichen – es scheint, als ob der Autor mehrere kombiniert habe.