Alle Artikel von mr94

Schwierige Zeiten

Michael Stürmer im Politischen Feuilleton von Deutschlandradio Kultur zur Kampagne Du bist Deutschland:

Wenn der Sozialstaat, nach der D-Mark, alleinige Grundlage des Deutschseins ist, dann kommen schwierige Zeiten. Denn es bleibt die Frage aller Fragen, wie denn die Wiegen wieder gefüllt, die Generationen wieder im Gleichgewicht sein sollen. Zuerst weigern sich die Deutschen, Kinder in die Welt zu setzen, dann wollen sie gut leben, und am Ende weigern sie sich zu sterben: Wenn das vom deutschen Sozialkontrakt geblieben ist, dann ist es schlecht um ihn bestellt, und er bedarf schmerzhafter Revision. Andernfalls werden Sozialstaat und Patriotismus ernsten Prüfungen ausgesetzt sein.

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Prachtvoller Hirtenbrief

Nachzutragen wäre noch die ganze Seite [0,85 EUR], auf der Prof. Dr. Joachim Kuropka in der FAZ vom Wochenende den inzwischen seliggesprochenen Kardinal Clemens August Graf von Galen würdigt. Und dieses Zitat eines nicht namentlich genannten evangelischen Superintendenten aus dem Jahre 1936 vorträgt:

„Wieder ein prachtvoller Hirtenbrief des Bischofs, kraftvoll, gläubigen Bekennens… (Man) freut sich von Herzen, obwohl es sich um die katholische Kirche handelt. Es sind doch zuletzt auch Zeugnisse für die christliche Kirche und für Christus selbst.“

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Keine Theorie

„Wie ein gewisser Karl Popper sehr richtig festgestellt hat, ist die Psychoanalyse keine Theorie, die man widerlegen könnte. Sie ist eine Praxis – eine Praxis, die so lange dauert, wie sie eben dauert.“ Jaques Lacan [Die Welt via Perlentaucher]

Könnte man solches nicht auch über das Christentum sagen? Keine Theorie, die man widerlegen könnte, sondern eine Praxis, die so lange dauert, wie sie eben dauert.

Nachrichtengebung

Eine Nachricht in zwei Versionen.

  • Papst will Homosexuellen Priesteramt ermöglichen
    Während sich der Vatikan in der Vergangenheit prinzipiell dem Thema Homosexualität gegenüber unbeugsam zeigte, scheint sich unter Papst Benedikt XVI. eine gewisse Öffnung abzuzeichnen: So sollen Männer mit homosexuellen Neigungen künftig dann die Möglichkeit erhalten, zur Priesterweihe zugelassen zu werden, wenn sie beweisen können, seit mindestens drei Jahren enthaltsam gelebt zu haben. [Salzburger Nachrichten]
  • Vatikan-Dokument: Schwule sollen nicht mehr Priester werden
    Der Vatikan will Homosexuellen den Zugang zum Priesteramt verwehren. Ein entsprechendes Dokument sei von Papst Benedikt XVI. bereits unterzeichnet worden, berichteten italienische Zeitungen.
    Rom – Dem Mailänder „Corriere della Sera“ zufolge sollen Männer mit homosexuellen Tendenzen, die nicht seit mindestens drei Jahren keusch leben, künftig nicht mehr zum Priester geweiht werden. [Spiegel Online]

Mehr dazu bei Petra.

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Kulturraum Europa

Um Europa und seine Grenzen wird hart gerungen. Angesichts der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ist eine beliebte Argumentationslinie diejenige, die heute Hilal Sezgin in der Frankfurter Rundschau vorträgt:

Welches ist […] die Kultur, die wir dem „Kulturraum Europa“ gemeinhin zuordnen? Mit Stolz blickt Europa auf seine betonierten Städte voller wohlgenährter, alphabetisierter Bewohner – doch nichts von dem, worauf es stolz ist, ist europäischen Ursprungs. Wenn man von Obelixens Wildschweinfang absieht, hat Europa die wenigsten Dinge aus eigener Kraft geschafft. Städtebildung, Ackerbau und Zahl und Schrift, Gesetzgebung und jede Religion, die in Europa heute noch Bedeutung hat, entstanden im Vorderen Orient. Ob Christus Mensch, Gott oder beides sei, wurde im kleinasiatischen Nicäa verhandelt, aus dessen Nachbarschaft auch die meisten antiken Philosophen und der Dichter Homer vermutlich stammten, und England wurde von einem Mann aus Karthago missioniert. […] Gutenberg hat den Buchdruck für Europa bloß nach-erfunden, und Luthers Leistung war, die Bibel neu zu übersetzen. [Perlentaucher]

Mir scheint, als ob der Autor hier ein paar Kleinigkeiten unterschlagen würde. Aber ich kann mich auch täuschen. Der Artikel ist die zweite Folge einer Serie namens „Mein Europa“. In der ersten berichtete Ina Hartwig über ihr postmodernes selbstgebasteltes Patchwork-Europa.

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Dankesrede über das Böse

Was hat es zu bedeuten, dass die Dankesrede von Amos Oz zur Verleihung des Goethe-Preises vom 28. August 2005 zwar in der FAZ [1,50 EUR] abgedruckt, aber offensichtlich nicht nur in einer kaum lesbaren Form online veröffentlicht wurde? Immerhin findet sich eine englische Übersetzung in Auszügen – im Guardian [via Perlentaucher]. Der Autor spricht über die Unterscheidung zwischen gut und böse.

[…] the modern age […] has blurred the clear distinction that humanity has made since its early childhood, since the Garden of Eden. Some time in the 19th century, not so long after Goethe died, a new thinking entered western culture that brushed evil aside, indeed denied its very existence. That intellectual innovation was called social science. For the new, self-confident, exquisitely rational, optimistic, thoroughly scientific practitioners of psychology, sociology, anthropology, and economics – evil was not an issue. Come to think of it, neither was good. To this very day, certain social scientists simply do not talk about good and evil. To them, all human motives and actions derive from circumstances, which are often beyond personal control. „Demons,“ said Freud, „do not exist any more than gods do, being only the products of the psychic activity of man.“ We are controlled by our social background. For about 100 years now, they have been telling us that we are motivated exclusively by economic self-interest, that we are mere products of our ethnic cultures, that we are no more than marionettes of our own subconscious.

In other words, the modern social sciences were the first major attempt to kick both good and evil off the human stage. For the first time in their long history, good and bad were both overruled by the idea that circumstances are always responsible for human decisions, human actions and especially human suffering. Society is to blame. Painful childhood is to blame. The political is to blame. Colonialism. Imperialism. Zionism. Globalisation. What not. So began the great world championship of victimhood.

For the first time since the book of Job, the devil found himself out of a job. He could no longer play his ancient game with human minds. Satan was dismissed. This was the modern age.

Den Hinweis auf diese Rede verdanke ich Petra, die eine Reportage der Zeit erwähnt, in der Sabine Rückert aus ihr zitiert.

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Seeschlacht bei Lepanto

465px-The_Battle_of_Lepanto_by_Paolo_Veronese.jpgSchon wieder ein politisch nicht ganz korrektes Marienfest. Und erneut eine gewonnene Schlacht gegen die Türken, die ihm den Anlass gab. Sieger war die Heilige Liga, zu der auch Papst Pius V. gehörte, der später heiliggesprochen wurde. Ihm verdanken wir die weiße päpstliche Soutane und die nach dem Konzil von Trient herausgegebenen, 400 Jahre geltenden liturgischen Bücher sowie den römischen Katechismus.

Venedig verlor im diesem Krieg übrigens die Insel Zypern an das Osmanische Reich. Und insofern passt der Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen mit der heutigen Türkei terminlich ganz gut ins Bild, ist doch auch heute Zypern ein Gegenstand des Streits.

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Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz

Das Rosenkranzgebet in seiner heutigen Form wurde seit dem 15. Jahrhundert vor allem von den Dominikanern und den Jesuiten verbreitet. Das Rosenkranzfest gilt nicht dem Rosenkranz selbst, sondern der „Rosenkranzkönigin“, der Jungfrau Maria. Das Fest wurde von dem Dominikanerpapst Pius V. 1572 zur Erinnerung an den Sieg über die Türken in der Seeschlacht bei Lepanto (7. Oktober 1571) eingeführt. Nach dem Sieg über die Türken bei Peterwardein (Ungarn) am 5. August 1716 wurde das Fest auf Bitten Karls VI. auf die ganze Kirche ausgedehnt. [Schott]

rosenkranzkoenigin.jpg Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.
Kurzlesung der Vesper (Gal 4,4-5)

Anderswo
paxvobis über das Rosenkranzfest

Christenclub

Auch wenn ich hier gelegentlich hart mit meiner Landesbischöfin ins Gericht gehe: Wo sie Recht hat, hat sie Recht. So konterte sie jetzt das Diktum des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, die EU müsse die Türkei aufnehmen, wenn sie beweisen wolle, dass sie kein „Christenclub“ sei:

„Europa ist im positiven Sinn ein Christenclub. Vielleicht hat uns Ministerpräsident Erdogan ja mit diesem Begriff einen positiven Anstoß gegeben.“ [IDEA]

Mit Popkultur kennt sie sich aus.

„Insofern sollten wir vielleicht ein Plakat oder ein T-Shirt entwerfen mit der Aufschrift ‚Ich bin Mitglied im Christenclub‘. Ich würde es tragen“, so die Bischöfin. Der Geist von Europa sei geprägt von den Erfahrungen und Werten des christlichen Glaubens: „von Nächstenliebe, den Zehn Geboten, von Gleichheit und Freiheit.“ Diesen Geist gelte es zu erhalten, „nicht in Abschottung, aber mit Selbstbewußtsein“.

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Kardinal Graf von Galen

Die Seligsprechung des früheren Bischofs von Münster, Kardinal Clemens August von Galen, am Sonntag beschäftigt das Feuilleton schon seit einiger Zeit. Heute ein Interview mit dem Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf:

„DIE WELT: Welches Signal soll von der Seligsprechung ausgehen?

Wolf: Diese Frage zu beantworten ist nicht Sache des Historikers. Er hat offene Fragen an die Geschichte zu stellen. Nur soviel: Ein Seliger kann natürlich kein Heros sein. Nach katholischem Verständnis ist der Selige gerade nicht der perfekte Mensch ohne Fehl und Tadel. Bei Galen gibt es freilich einen entscheidenden Punkt, der heißt Zivilcourage. Galen hat sich überwunden und bei der Verletzung von Menschenrechten geredet. Wenn das die Botschaft der Seligsprechung ist – Christen fehlt oft Zivilcourage -, dann ist das eine gute Botschaft. Galen hat nicht geredet beim Thema Juden, das bleibt ein Mangel. Aber er hat geredet in der Frage der Euthanasie. Er denkt natürlich von den Werten her: Wo hat Politik ihre Mitte? Eine ganz aktuelle Diskussion. An diesem Punkt wächst Galen, der mittelmäßig begabte Prediger, über sich hinaus. Er kämpft auch gegen das durchaus katholische Obrigkeitsdenken. Wenn das die Botschaft ist, dann ist es eine gute Botschaft. Man macht den Seligen nicht kleiner, indem man seine Schattenseiten zur Kenntnis nimmt. Ein Seliger ist Mensch, und nicht Gott.“ [Die Welt via Perlentaucher]