Alle Artikel von mr94

Hugh-Grant-Komplex

Studien haben ergeben, daß sich Männer auch in Industriestaaten noch immer als Haupternährer der Familie fühlen, selbst wenn die Partnerin über ein höheres Einkommen verfügt. Für ihr Selbstverständnis scheint es dennoch von Bedeutung, ob sie es sich alleine leisten können, eine Familie zu ernähren.

Im Zuge der Frauenbewegung wurde diese klassische Männerrolle entwertet. Die Folgen sind eine Verunsicherung und die Suche nach einem neuen Rollenbild, mit bisweilen tragikomischen Effekten, wie etwa viel zu teuren Autos oder Abenteuerreisen zum Südpol.

Weil Männer, sagen Psychologen, oft einfach ratlos sind, was Mannsein bedeutet, und daher auch nicht wissen, was Vatersein sein soll. […] Während Frauen Monat für Monat an die Möglichkeit einer Schwangerschaft erinnert werden und der biologische Zeitrahmen ihnen zudem klare Grenzen nach hinten setzt, existiert bei Männern keine Grenze zwischen dem Zustand des potentiellen Vaters und dem des Mannes ohne Kind. So bleibt der Mann ohne Kind auch im öffentlichen Bewußtsein einfach ein Mann noch ohne Kind – auch wenn er vierzig oder fünfundvierzig ist. […]

Daß die Ehe mithin keine Kinder mehr voraussetzt und, seit es die Empfängnisverhütung gibt, auch kein biologisches Gesetz Männer mehr in die Vaterschaft zwingt, ist da Fluch und Segen zugleich. Weil das Vatersein nicht mehr vom Schicksal abhängt, sondern man sich frei dafür entscheiden muß, steht plötzlich alles auf dem Prüfstein: die finanzielle Basis, die Beziehung der Partner untereinander, die Wünsche und Perspektiven, die man mit Kindern verbindet – oder eben ohne. […]

Es gibt natürlich auch Männer, die von ihrer Familie verlassen wurden; Männer, die irgendwann keine Kinder mehr zeugen können; es gibt Männer, die keine Frau finden oder die gar nicht wissen, daß sie längst Vater sind. Einer überwiegenden Mehrheit von Kinderlosen jedoch scheinen die neuen Freiheiten unserer multioptionalen Gesellschaft, in der Kinder eben keine Selbstverständlichkeit mehr sind, zu schaffen zu machen.

Für das Phänomen des überforderten Mannes, dem es nicht mehr gelingt, sich aus eigener Kraft festzulegen, hat man den Begriff „Hugh-Grant-Komplex” kreiert. Tatsächlich versteht sich der britische Schauspieler, dieser Bub jenseits der Vierzig, wie kein anderer im Film und im wirklichen Leben auf die „Grundsätzlich sage ich nicht nein”-Diplomatie. Was sich darin manifestiert, eine trotzig zur Schau gestellte Kindsköpfigkeit, eine Unsicherheit sich selbst und dem Leben gegenüber, wurde durch Hugh Grant geradezu salonfähig. [FAZ]

Meike Dinklage: Der Zeugungsstreik. 250 Seiten, 17,90 EUR.

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Mariä Geburt

Das Fest Mariä Geburt entstand im Orient, wahrscheinlich aus dem Kirchweihfest der St.-Anna-Kirche in Jerusalem, die als Ort der Geburt Mariens gilt; nach anderer Überlieferung ist Maria in Nazaret geboren. Im Westen nennt Papst Sergius (687-701) als die vier Marienfeste, die in Rom gefeiert werden: Verkündigung, Aufnahme in den Himmel, Geburt und „Begegnung“ (= Mariä Lichtmess). Vom Datum der Geburt Mariens aus (das kein historisches Datum ist) wurde auch das Datum ihrer Empfängnis (8. Dezember) festgesetzt. Die Tatsache, dass das Fest dieser Geburt liturgisch gefeiert wird, setzt den Glauben voraus, dass Maria heilig, d. h. ohne Erbsünde, geboren wurde; vgl. Fest der Geburt Johannes‘ des Täufers (24. Juni). [Schott]

Nativitas gloriosae virginis Mariae ex semine Abrahae, orta de tribu Juda, clara ex stirpe David; cujus vita inclyta cunctas illustrat Ecclesias.
Antiphon zu Mariä Geburt

Volkszählung

Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, plädiert in der FAZ für eine Volkszählung.

„Angenommen, Sie interessierten sich für die Anbaumengen von Topfchrysanthemen bei deutschen Zierpflanzenproduzenten oder für den Bestand an Gänsen, Enten und Truthühnern in landwirtschaftlichen Betrieben – kein Problem… Wer allerdings wissen möchte, wo in der Republik welche Migranten leben, welchen Krankenstand sie haben, wie es in den Kommunen um die Betreuung der unter Dreijährigen bestellt ist oder wie viele Personen kinderlos bleiben, muss lange suchen und wird wenig finden.“ [Perlentaucher]

Notiz an mich: bei Gelegenheit das ganze demographische Geraffel in ein Zweitblog auslagern

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Verkündigungsauftrag und Lebensführung

Aus der Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema „Homosexualität und Kirche“ (1996):

  • Der Verkündigungsauftrag kann nicht so von der Lebensführung der Amtsträger getrennt werden, als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun. Wenn die Lebensführung, soweit sie öffentlich wahrgenommen wird, dem Verkündigungsinhalt widerspricht, beeinträchtigt dies die Glaubwürdigkeit der Verkündigung.
  • Die Lebensführung jedes Amtsträgers bleibt in irgendeiner Form hinter dem zurück, was als Wille Gottes zu verkündigen ist. Entscheidend ist jedoch, daß die Differenz zwischen dem Willen Gottes und dem eigenen Versagen nicht geleugnet oder bagatellisiert wird. Die Anerkennung des eigenen Zurückbleibens ist selbst ein Element der Glaubwürdigkeit kirchlicher Verkündigung.

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Realität

Petra Steinberger eiert heute im SZ-Feuilleton wortreich um die Frauenfrage herum. Zwei Takes im Vergleich:

Fahren wir fort mit jenem Zitat von Paul Kirchhof, das der CDU inzwischen in jeder Wahldebatte um die Ohren geschlagen wird, jenen Satz, den er vor ein paar Jahren im Vorwort eines Buches geschrieben hat: „Die Mutter macht in ihrer Familie Karriere, die nicht Macht, sondern Freundschaft verheißt, nicht Geld, sondern Glück bringt.“ Etcetera. Fraglos ist das ein recht konservatives Familienbild. Aber wieso, fragt man sich, soll das junge, moderne Frauen noch berühren, die doch längst erkannt haben, dass die Realität heute ganz anders abläuft?

So, die Realität läuft heute ganz anders ab? Das meint sie selbst nicht ernst – oder jedenfalls wundert sich die gleiche Autorin am Ende ihrer Überlegungen:

Es passiert nur nichts. Bisher. Sobald einmal Kinder da sind, wird in Deutschland bis heute trotz aller Rhetorik eine gesellschaftliche und soziale Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau gefördert, die den großbürgerlichen Idealen des 19. Jahrhunderts entspricht, mitsamt goldenem Käfig und ein paar feministischen Ausrutschern (in den ostdeutschen Ländern passiert das weniger, was an kommunistischer Indoktrination liegen muss). Der große Graben zwischen den Geschlechtern resultiert nun mal aus der Realität der Reproduktion, und solange eine derart veraltete Frauen-Männer-Dichotomie in Deutschland existiert, werden sich mehr und mehr Frauen, ökonomisch völlig konsequent, für die eigene Karriere entscheiden – wer mag es ihnen verdenken?

Und damit, so möchte ich hinzusetzen, das langfristige Aussterben beschleunigen. [Perlentaucher]

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Im Zusammenhang

Das Vorwort von Paul Kirchhof zum Buch von Jürgen und Martine Liminski, aus dem im aktuellen Wahlkampf gern zitiert wird, erschien am 31. März 2002 in der Welt am Sonntag. Auszüge:

[…] unser deutsches Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ist fast ausschließlich auf eine Maximierung von Profit und Spaß angelegt. Es sucht in einer gewaltigen Propaganda alle Menschen – Männer und Frauen – in sozialpflichtige Erwerbsarbeit zu drängen, vergisst dabei aber, dass Kapital nicht arbeitet, sondern nur Menschen mit Kapital arbeiten. Es vernachlässigt, dass ein Generationenvertrag ohne die nachfolgende Generation zusammenbricht, dass die Zukunft von Kulturgesellschaft und Wirtschaft in Deutschland durch Einwanderung nicht gesichert werden kann, weil selbst bei einer Einwanderung von jährlich fünfhunderttausend Menschen die Einwohnerzahl sinken und die Veralterung fortschreiten würde.

Unser Rentenrecht enteignet die Mütter, weil es ihnen faktisch die Alterssicherung durch ihre Kinder nimmt, dafür aber anderen Rentenansprüche gibt. Das Arbeitsrecht privilegiert die Kinderlosen, wenn es ihnen beruflichen Aufstieg eröffnet, die Mütter aber auch nach Erfüllung ihres Erziehungsauftrags vom Arbeitsmarkt fernhält. Das Steuerrecht benachteiligt Familien, weil es bei den Eltern auch einen Teil des Einkommens besteuert, der den Kindern gehört.

Staat und Wirtschaft in Deutschland stellen sich gegenwärtig nicht energisch der Aufgabe der Verteilungsgerechtigkeit, die Familien finanziell besser stellt und dazu alle anderen, die später von den Leistungen unserer Kinder profitieren, zu deren Unterhalt heranziehen müsste.

Wenn sich die Altersgruppe der Achtzehn- bis Fünfunddreißigjährigen in den nächsten zehn Jahren zu halbieren droht, wenn in den USA über fünfzig Prozent aller Ehen, in einigen Zentren von Wirtschaft und Wissenschaft fast hundert Prozent geschieden werden, zersetzt unser Erwerbs- und Wirtschaftssystem unsere Kultur, frisst die Menschen und zerstört unsere Zukunft. Gerade eine freiheitliche Gesellschaft wird nur gelingen, wenn der Freiheitsberechtigte sich in einer jung bleibenden Gesellschaft entfalten kann. Wir müssen uns deshalb der Frage stellen, ob Jugend im Fitness-Center synthetisch hergestellt wird oder in der Familie entsteht.

Auf diese Passage folgen dann die inkriminierten Äußerungen.

Wie sieht Familienglück in einer wirklich gelebten, echten Gemeinschaft von Eltern und Kindern aus? Die Mutter macht in ihrer Familie Karriere, die nicht Macht, sondern Freundschaft verheißt, nicht Geld, sondern Glück bringt. Ihr Beruf als Familienmanager fordert – jenseits des zweiten, des eher handwerklichen Auftrags – stetige Präsenz, einen Raum der Bedingungslosigkeit und des Humanum, eine Intimität als Grundmuster der Familie, ohne die eine Frau zwischenmenschliche Beziehungen nicht gestalten, Menschlichkeit nicht schenken kann. Die Mutter widmet ihren Kindern vor allem Zeit, gibt ihnen auf dieser Grundlage Zärtlichkeit, Zuwendung und ein Zuhause.

Und zur Vaterrolle:

Auch der Vater sieht seine erste Verantwortung in seinem Familienberuf und erst dann in seinem Erwerbsberuf. Wenn Erziehungspflichten vernachlässigt werden, wirkt sich das auf Menschen aus; wenn Pflichten im Erwerbsberuf vernachlässigt werden, hat das meist nur Folgen für die Produktion. Diese Perspektive ist entwaffnend unökonomisch und rückt unsere fast ausschließlich vom Erwerbsstreben verrückte Welt wieder zurecht. Der Vater sichert den familiären Konsens und wacht über die Solidarität, entwickelt eine natürliche Autorität, die im nicht selten unbegrenzten Vertrauen in die Glaubwürdigkeit des Vaters auch an Überforderung grenzt, trägt mit der Mutter die Verantwortung, den Kindern Tugenden einzuprägen, zu denen insbesondere auch die Fähigkeit zu unbeschwerter Freude gehört.

Seine eigene Vatertugend wird vor allem von der klassischen Erfahrung bestimmt, dass es die Aufgabe der Einflussreichen ist, die ihnen Anvertrauten zu schützen. Der Vater findet seine Identität, wenn er die ökonomischen Grundlagen der Familie beschafft und die Kinder in ihrer Zugehörigkeit zu Familie, Staat, marktwirtschaftlicher Ordnung, Kulturgemeinschaft und Kirche erzieht.

Soweit der Zusammenhang.

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