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Nichts verstanden

Margot Käßmann in der Jahres-Chronik des Spiegel. Aber sie gibt es wenigstens zu:

Im Oktober 1999 haben beide Kirchen eine gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet, in der auch die Katholiken anerkennen, dass der Mensch nur durch die Gnade Gottes und nicht durch eigene Werke gerettet wird. […] Beim Ablass gehen alle evangelischen Nackenhaare hoch. Aus dem Ablass-Streit ist die Reformation entstanden! Zum Weltjugendtag konnten die Teilnehmer wieder einen Ablass erwerben. […] Es sind auf einmal Leute nach Rom gefahren, die ich kenne, bei denen ich mich fragte: Warum fahren die nach Rom? Ich käme nie auf die Idee. Warum soll ich nach Rom, wenn der Papst gestorben ist? […] Das kann ich bei Kardinal Ratzinger nicht so ganz begreifen. […] Diese Papst-Rufe beim Weltjugendtag in Köln konnte ich nicht verstehen, aber ich bin auch evangelisch.

Das ganze Interview ist eine einzige Bankrotterklärung.

Exkommunikation

Tatsächlich: Es gibt sie noch. Und zwar nicht nur faktisch, massenhaft und weitgehend im Verborgenen, sondern auch offen festgestellt von einem, der dafür qua Amt zuständig ist. Gerald Augustinus weist aus gegebem Anlass auf eine Kolumne von Richard John Neuhaus hin:

„Excommunication — separating oneself from full communion with the Church — is something that is done by the person who is excommunicate. The Church simply declares what it is that the person has done, and when, as in this case, the offense is public, the declaration is public. A formal declaration of excommunication is a last resort, undertaken with the greatest reluctance.

In a culture attuned to Protestant voluntarism and in thrall to the idea of “inclusiveness,” the very idea of excommunication is deeply offensive. As reflected in the news reports, it is thought that what must really be at stake is power or money, or both. What is most importantly at stake, however, is the very definition of what it means to be Catholic. A parish is Catholic if it is in full communion with a bishop who is in full communion with the Bishop of Rome. Such a parish is part of the “local Church,” meaning the diocese, of which the bishop is the pastor. Every priest and parish pastor participates in the ministry of the bishop who, in turn, participates in the college of bishops, the successors to the apostles, with and under the Bishop of Rome. In sum, the Church is guilty as charged: the Church is — always has been and always will be — hierarchical, which many think is a very bad thing to be.“

Epiphanie

Ein nominell katholischer USA-Einwanderer aus Deutschland besucht am Heiligabend 2004 eine katholische Christmette und schaut unvermutet den Herrn:

„Ich schaute nach hinten, schaute nach vorne und schaute zur Seite und sah etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte, eine echte multikulturelle Gesellschaft: Einen italienischen Pastor, einen indianischen Vikar, einen mexikanischen und einen koreanischen Meßdiener, eine weiße Sängerin, einen schwarzen Organisten und eine Gemeinde von nordamerikanisch-, südamerikanisch-, europäisch-, afrikanisch- und asiatischstämmigen Mitgliedern aus sicherlich Dutzenden Nationen und Hunderten Kombinationen. Zwei Klammern hielten uns als Gruppe zusammen, die Klammer ‚Amerika‘ und die Klammer ‚Weihnachten‘. Alle waren wir oder unsere Vorfahren irgendwann und irgendwie nach Amerika gekommen, ob freiwillig, verschleppt, geflohen oder geflogen. Und alle hatten wir uns jetzt ausgerechnet in einer katholischen Kirche versammelt.

Ich fühlte mich auf einmal am richtigen Ort, als ob wir Teil eines großen Menschheitsprojekts waren. Wie es heißt? Ich weiß es nicht. Vielleicht, ganz banal, ‚friedliches Zusammenleben‘ oder gar ‚Nächstenliebe‘. Halleluja! Ich jedenfalls hatte meine perfekte Weihnachtsstimmung gefunden und nicht einmal die mit lila- und orangefarbenen Lichterketten geschmückten Kakteen in unserem Vorgarten konnten mich wieder herausreißen.“

Wie sprach der Engel gestern im Evangelium? „Denn für Gott ist nichts unmöglich.“ (Lk 1,37)

Ein hartes Jahr für Protestanten

Susanne Leinemann referiert in der Berliner Morgenpost, warum 2005 für Protestanten ein schwieriges Jahr und zugleich ein überfälliger Weckruf war. Es begann mit dem öffentlichen Sterben Papst Johannes Pauls II.

Als Protestant konnte man etwas irritiert beobachten, wie Menschen sichtlich bewegt und doch grundtief optimistisch Abschied nahmen. Da war nichts Verkopftes, Vergeistigtes zu spüren, wie es einen in den kargen evangelistischen Akademien anweht, wenn dort über „Hilfe zum Sterben“ diskutiert wird. Die Millionen Pilger waren der Ausdruck purer körperlicher Tat.

Doch es kam noch härter für unsere Brüder im Herrn.

Aber nun waren wir Papst. Plötzlich stellte man sich als Protestant eine Frage, die zuletzt vor Jahrhunderten akut gewesen war. Was zählt: die Nation oder die Religion? Sind wir Papst oder sind nur die Papst – die Katholiken, die anderen? Und kann ich meinen Frieden machen mit Ratzinger, dem Professor für Dogmatik, der so lange als erstarrend, ja reaktionär gegolten hatte?

Man mußte. Allein aus Respekt vor den hunderttausenden Jugendlichen, die im August zum katholischen Weltjugendtag nach Köln reisten. Wieder rieben sich die Protestanten die Augen. Seit wann war die katholische Kirche so attraktiv für junge Menschen? Die Rolle als junge, weltoffene, zeitgeistige Kirche hatten in Deutschland doch die Evangelischen für sich gepachtet. Auf dem legendären „Markt der Möglichkeiten“ der Kirchentage findet traditionell jede noch so abseitige Gruppe und Jugendbewegung Gehör. Die evangelische Kirche bietet jedem einen Platz. Die katholische Kirche stellt Bedingungen. Sie läßt niemanden fallen, aber sie macht aus ihrem Mißfallen für bestimmte Lebensformen auch kein Hehl. Sie war nie maximal tolerant. Im Gegenteil.

Bis vor wenigen Jahren war das ein Standardargument unter Jugendlichen, um den katholischen Glauben zu meiden. Wenn es schon Kirche sein mußte, dann bitte nur evangelisch. Spätestens in diesem Herbst war dieser Bonus für Protestanten passé. […] Die katholische Kirch wirkt kraftvoll und strahlend wie lange nicht mehr. Weil sie bewußt nicht nur an Traditionen und Formen, sondern auch an einer gewissen Strenge festhält, die von Protestanten allzu leichtfertig aufgegeben wurde.

Den Hinweis verdanke ich Alfred in den Kommentaren.