Alle Artikel von mr94

Pappkameraden

Der Spiegel hat auch Leser, die ihm nicht jeden Mist abkaufen und stattdessen böse kritische Leserbriefe verfassen. So wie diese, bezogen auf jenes Meisterstück des investigativen Journalismus, das auch hier schon schlechte Kritiken bekommen hatte:

Der Artikel haut mit einem Schlag gleich alle Pappkameraden um, die zuvor aufgebaut wurden. Dass dabei die Legionäre Christi gleich mit abserviert wurden, die in Rom eine international angesehene Universität unterhalten, stört ja dabei weiter nicht – lieber einer zu viel als zu wenig. Diese Art von journalistischer Streubombe dürfte in Zukunft wohl auch den Katholizismus insgesamt erreichen – wollen Sie nicht den Verfassungsschutz anregen, 25 Millionen deutsche Katholiken vorsorglich zu observieren?

ERLANGEN, PROF. HANNA-BARBARA GERL-FALKOVITZ

Sie werfen unterschieds- und erklärungslos schismatische (also von Rom abgespaltene) Gruppen wie die Sedisvakantisten und die Piusbruderschaft in einen Topf mit päpstlich anerkannten Gemeinschaften wie der Petrusbruderschaft, den Legionären Christi und der Katholischen Pfadfinderschaft Europas, verpassen diesem gewagten Mix das Etikett schillernde Subkultur in der katholischen rechten Szene und stellen Verbindungen mit dem politischen Rechtsextremismus zum Zwecke einer „Gegenrevolution“ her. Das ist ungefähr so, als würde man den linken Flügel der SPD, die Linke und die DKP pauschal als linke Subkultur und Stalin-Verehrer zusammenfassen, ihnen ein „extremistisches Weltbild“ bescheinigen und unterstellen, dass sie gemeinsam mit der Bewegung „Kirche von unten“ demnächst die proletarische Revolution planen.

DUISBURG, BEATE SCHEILEN

Eine kleine Splittergruppe

So viel Einsicht hätte ich Christian Weisner gar nicht zugetraut. Doch gestern im Interview mit Deutschlandradio Kultur brachte er die Dinge auf den Punkt:

Es ist für Menschen in der Kirche und auch für andere nicht verständlich, wie so eine kleine Splittergruppe die große katholische, weltweite Kirche den Papst unter Druck setzt. Ich will einmal das vergleichen in der Politik, das wäre so, als ob eine kleine Bürgerinitiative aus dem Bayerischen Wald – nichts gegen den Bayerischen Wald – als ob eine kleine Bürgerinitiative versucht, mit Frau Merkel die Koalitionsverhandlungen zu führen und dann auch noch die Tagesordnung bestimmen will.

Als nächsten Schritt schlage ich vor, dass die kleine Splittergruppe endlich das Zweite Vatikanische Konzil anerkennt. Erst dann kann es eine Versöhnung mit dem Papst und der Kirche geben.

Heute befragt der Deutschlandfunk übrigens keinen Geringeren als Gotthold Hasenhüttl.

Fasten

Zwei Kommentare haben mich veranlasst, noch einmal nachzuschlagen, was Fasten ist. Zunächst die säkulare und in stetigem Flusse befindliche Wikipedia:

Fasten ist eine Form menschlicher Kultur entweder mit verminderter Nahrungsaufnahme und Elementen der Askese oder vollständigem Nahrungsverzicht, d. h. als Leben aus körpereigenen Reserven.

Verminderte Nahrungsaufnahme genügt also, vollständiger Nahrungsverzicht ist nicht gefordert. So auch in der Apostolischen Konstitution Paenitemini:

The law of fasting allows only one full meal a day, but does not prohibit taking some food in the morning and evening, observing—as far as quantity and quality are concerned—approved local custom.

Und um uns nicht nachkonziliarer Nachlässigkeit schuldig zu machen, konsultiere ich außerdem die Catholic Encyclopedia:

Fasting essentially consists in eating but one full meal in twenty-four hours and that about midday. It also implies the obligation of abstaining from flesh meat during the same period, unless legitimate authority grants permission to eat meat. […] Besides a complete meal, the Church now permits a collation usually taken in the evening. In considering this point proper allowance must be made for what custom has introduced regarding both the quantity and the quality of viands allowed at this repast. In the first place, about eight ounces of food are permitted at the collation even though this amount of food would fully satisfy the appetites of some persons. Moreover, the attention must be paid to each person’s temperament, duties, length of fast, etc. Hence, much more food is allowed in cold than in warm climates, more to those working during the day than to those at ease, more to the weak and hungry than to the strong and well fed. As a general rule whatever is deemed necessary in order to enable people to give proper attention to their duties may be taken at the collation. Moreover, since custom first introduced the collation, the usage of each country must be considered in determining the quality of viands permitted thereat. In some places eggs, milk, butter, cheese and fish are prohibited, while bread, cake, fruit, herbs and vegetables are allowed. In other places, milk, eggs, cheese, butter and fish are permitted, owing either tocustom or to Indult. This is the case in the United States. However, in order to form judgments perfectly safe concerning this point, the Lenten regulations of each diocese should be carefully read. Finally, a little tea, coffee, chocolate or such like beverage together with a morsel of bread or a cracker is now allowed in the morning.

Das waren also die Fastenregeln vor etwa 100 Jahren.

Meine ersten Fastenerfahrungen dieser Fastenzeit sind nicht ganz einfach. Von Aschermittwoch bis Freitag war ich auf einer Reise, was die Möglichkeiten (und Verpflichtung) zum Fasten etwas eingeschränkt hat. Dennoch, ein eher karges Frühstück und bis auf eine Ausnahme ein minimales Abendbrot waren drin. Sonnabend war ein schwieriger Tag, da ich mit einem Weißbrot mit Marmelade nebst Tee zum Frühstück sowie einem belegten Brötchen und Saft zum Mittag nicht besonders weit komme. Die Hauptmahlzeit war erst abends, nach der ersten Vesper und damit dem Ende des Fastens.

Heute ging es schon besser.

Allerdings zeigt die Waage schon jetzt fast mein langjähriges Minimalgewicht an. Ein bis zwei Kilo nach unten wäre noch Luft, aber danach müsste ich wohl wieder mehr essen, wenn ich nicht abmagern will.

Geburtenrückgang im Oktober

Gewisse Zweifel an den Erfolgsmeldungen der Familienministerin hatten mich schon früher beschlichen. Doch nun macht der Spiegel die Sache amtlich: Im Oktober 2008 wurden fast 8.000 weniger Kinder als im Oktober 2007 geboren. Da der Zuwachs von Januar bis September im Jahresvergleich nur 3.400 Kinder betrug, ist die Bilanz nach zehn Monaten also deutlich negativ. Frau von der Leyen, ich warte auf die Pressekonferenz zum Thema.

Pfarrversammlung

Der Pfarrgemeinderat (wo kommt ein solches Gremium eigentlich in den Konzilsdokumenten vor?) meiner Gemeinde lud heute nach der Hl. Messe zur Pfarrversammlung ein. Ich war nicht dort. Zwar hätte ich durchaus das eine oder andere zu sagen. Allerdings denke ich nicht, dass sich Übel, die erst durch den Gremienkatholizismus in die Welt gekommen sind, durch dessen eigene Mittel wieder aus der Welt schaffen lassen.

Relativierungsge- und verbote

Kurz vor seiner Wahl zum Papst prangerte Joseph Kardinal Ratzinger die Diktatur des Relativismus an:

Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich »vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen«, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt.

In den letzten Tagen hat sich gezeigt, dass auch in einer Diktatur des Relativismus nicht alles relativiert werden darf. Ja, es genügt schon ein einfacher, schlichter Vergleich, um die geballte Empörungsmaschinerie von Zentralrat der Juden bis Claudia Roth anzuwerfen. Bischof Walter Mixa hatte am Aschermittwoch die Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden im Zusammenhang mit den (nach Expertenschätzungen) mehr als neun Millionen Abtreibungen in den vergangenen Jahrzehnten genannt.

Ist das eine „Relativierung des Holocaust“ oder nicht, wie sich das Bistum zu erklären beeilte? In jedem Fall ein völlig legitimer und sinnvoller Vergleich, selbst wenn Mixa seine Äußerungen nicht als Vergleich verstanden wissen wollte.

Der Vergleich muss provozieren, weil er gleich zwei Tabus der deutschen Gesellschaft bricht. Er kratzt an der Zivil- und Staatsreligion, zu der sich die Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden gewandelt hat. Und er stellt das durch Grundgesetz und Strafgesetzbuch nicht gedeckte, aber de facto durchgesetzte Menschenrecht auf Abtreibung in Frage.

Weshalb sich mit dem Zentralrat und Claudia Roth auch gerade die beiden zentralen Sachwalter dieser Tabus empören.

Fastenzeit

Wie in jedem Jahr mache ich mir, während in den rheinischen Landen noch der Karneval tobt, schon einmal Gedanken um die bevorstehende Fastenzeit. Papst Paul VI. hat 1966 in der Apostolischen Konstitution Paenitemini das Fasten neu geregelt.

  • Das klassische Abbruchfasten (nur eine sättigende Mahlzeit am Tag, etwas Speise am Morgen und am Abend ist erlaubt, in Menge und Beschaffenheit an die anerkannten Ortsgewohnheiten angepasst) ist seitdem nur noch am Aschermittwoch und am Karfreitag vorgeschrieben.
  • Das Abstinenzgebot (Verzicht auf Fleischspeisen, nicht aber auf Eier, Milchprodukte und tierische Fette als Zutaten) gilt für alle Freitage, die nicht auf gebotene Feiertage fallen, und den Aschermittwoch.

Was ist aus den übrigen Tagen der Fastenzeit geworden? Warum hat Paul VI. sie vom Fasten ausgenommen? Und hat er das wirklich? Genaugenommen hat er nur die Verpflichtung zum Fasten eingeschränkt.

Ich überlege, ob ich in der kommenden Fastenzeit an allen Tagen (außer Sonntagen, beginnend mit der ersten Vesper) entsprechend der oben formulierten Regeln Abstinenz und Fasten halten werde. In jedem Fall werde ich mich von Süßigkeiten und Alkohol fernhalten. Kaffee trinke ich aus gesundheitlichen Gründen schon seit Monaten nicht mehr.

Was das regelmäßigere Gebet betrifft, so werde ich die täglichen Laudes, Vesper und Lesehore fortsetzen. In meiner Paulus-Lektüre bin ich leider kaum weiter als vor Weihnachten. Ansonsten kommt wie immer Romano Guardini dazu.

Vom Fasten ausgenommen sind neben den Sonntagen auch der 19. März (Hochfest des Hl. Josef) und der 25. März (Verkündigung des Herrn). Ab dem Sonntag vor Josefi werde ich für die fastenfreien Tage einige Flaschen Salvator bereithalten.

Medienterror

Aus einem Kommentar in diesem Notizbuch:

Der Medienterror bezieht sich darauf, daß die Medien aus einem Verharmlosen des Holocausts (das bei Williamson vorliegen mag) ein “Leugnen des Holocausts” machen, und darüberhinaus “die Piusbrüder” als Holocaustleugner bezeichnet. Demnächst werden sie als Neonazis in den Zeitungen stehen.

Genau dies ist jetzt geschehen. Der Spiegel geht in seiner heutigen Ausgabe gleich noch einen Schritt weiter und schlägt sämtliche Anhänger der außerordentlichen Form des römischen Ritus mehr oder weniger pauschal dem Rechtsextremismus zu:

Meisners Erzbistum im Westen der Republik ist zum Sammelbecken rechtsgläubiger Katholiken geworden, von Anhängern des Opus Dei bis hin zu den Legionären Christi. Dem emeritierten Weihbischof Max Ziegelbauer erlaubte der Kardinal, die lateinische Messe im alten Ritus in der Kölner St.-Kunibert-Kirche zu zelebrieren. Dabei sprachen die Gläubigen antisemitische Gebete gegen „die verworfene Judenschar“. Ein Kölner Pfarrer war „erschrocken über etliche kahlgeschorene Mitbeter in den Kirchbänken“.

Meisner und andere deutsche Bischöfe stellen auch Priestern aus der Petrusbruderschaft Kirchen in ihren Bistümern zur Verfügung. Dort zelebrieren diese mit Erlaubnis der römisch-katholischen Kirche ihre Messen nach dem Werk „Das vollständige römische Messbuch“ in der Fassung von 1962 – antisemitische Passagen inklusive. Gebetet wird „für die Bekehrung der Juden“, wegen der angeblichen „Verblendung jenes Volkes“. In den Karfreitagsgebeten, die von Meisner toleriert werden, heißt es über die Juden: „Gott möge den Schleier von ihren Herzen nehmen. Mögen sie das Licht Deiner Wahrheit erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden.“

Wer so betet, versteht sich offenbar gut mit weltlichen Judengegnern.

Was ist das – Unkenntnis oder Demagogie?

Mehr Kinder?

Familienministerin Ursula von der Leyen hat den Familienbericht in Familienreport umbenannt und einen PR-Coup gelandet. „Deutsche bekommen mehr Kinder“, titelt zum Beispiel die Zeit.

So sind laut Report im Jahr 2007 12.000 Kinder mehr zur Welt gekommen als 2006. Bis September 2008 waren es 3400 Kinder mehr als im gleichen Zeitraum 2007. Das Statistische Bundesamt schätzt die Zahl der Geburten 2008 auf bis zu 690.000, 2007 wurden in Deutschland genau 684.862 Kinder geboren.

Beim Statistischen Bundesamt hingegen liest sich das etwas anders:

Nach vorläufigen Berechnungen hat sich die Zahl der Geburten im Vergleich zu 2007 kaum verändert und die der Sterbefälle leicht erhöht: Es wird mit wiederum etwa 680 000 bis 690 000 Geburten und mit etwa 835 000 bis 845 000 Sterbefällen gerechnet. Das sich aus der Differenz aus Geburten und Sterbefällen ergebende Geburtendefizit wird dadurch von gut 142 000 im Jahr 2007 voraussichtlich auf etwa 150 000 bis 160 000 ansteigen.

Mit anderen Worten: Es kann gut sein, dass die Zahl der Geburten 2008 wieder leicht zurückgegangen ist. Klar ist nur: Das Geburtendefizit steigt weiter an.

Deutschland hat eine Staatsreligion

Die Formulierung mag überraschen, aber es ist die Summe aus den Ereignissen der letzten Wochen. Das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland ist neu definiert worden. Das Christentum ist nun die Religion einer unterdrückten und in mehrere Gruppen gespaltenen Minderheit, während die Mehrheit sich eine Zivilreligion gegeben hat, deren oberste Sachwalterin zugleich Kanzlerin ist.

Wer wie Bischof Richard Williamson den Massenmord an den Juden oder jedenfalls die Existenz von Gaskammern leugnet, stellt damit nach Ansicht von Eckhard Fuhr den zentralen Bezugspunkt der westlichen Zivilreligion infrage. Diese ist auch nach Auffassung meines Altbischofs das Fundament der Europäischen Union.

Die Anerkennung des Holocaust ist nach Ansicht des emeritierten Hildesheimer Bischofs Josef Homeyer die Eintrittskarte nach Europa. Daher sei die Europäische Union (EU) auch eine Antwort auf die „tragische Geschichte dieses Kontinents“ so Homeyer bei einer Tagung in Potsdam „Europas zukünftige Identität“. Für Juden war noch 1825 die Taufe das „Entreebillet“ nach Europa, wie Heinrich Heine damals schrieb. Eine ironische Wendung der Geschichte habe aber dazu geführt, dass heute die Vernichtung der Juden die einschlägige europäische Bezugsgröße geworden sei, so Homeyer. Dass sich die Präsidenten von Polen und Rumänien zur Mitschuld ihrer Länder an der Judenvernichtung bekannten, habe deren Beitritt zur EU erleichtert.

Noch deutlicher wird Stephan Detjen in seinem Kommentar [via]:

Eine Bundeskanzlerin, die das Gedenken an den Holocaust zu einem Bestandteil deutscher Staatsräson erklärt, darf sich selbstverständlich dazu äußern, wenn der Papst einen notorischen Holocaust-Leugner und Antisemiten auf spektakuläre Weise in seine Kirche re-integriert. […]

Im Fall Williamson ergibt sich eine zusätzliche Verbindung zur deutschen Staatsgewalt, weil der reaktionäre Bischof seine jüngsten Äußerungen, in denen er den Holocaust leugnete, ausgerechnet auf deutschem Boden tat. Die Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelt gegen ihn. Die Kanzlerin bewegt sich mit ihrer Papst-Kritik indes auf einer ganz anderen Ebene. Sie liegt jenseits von Recht und Politik. Es ist die Sphäre der Zivilreligion, zu der sich die Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden im Nachkriegsdeutschland ausgeprägt hat.

Merkels Redewendung vom Holocaust als Teil der Staatsräson ist der Versuch, die Kultivierung und Dogmatisierung historischer Erinnerung in die Sprache der Politik zu übersetzen. Im Strafrecht findet die zivilreligiöse Qualität des Holocaust-Gedenkens ihren Ausdruck in der einzigartigen Kriminalisierung einer historisch unwahren Tatsachenbehauptung. Über vieles lässt sich in unserem Land verhandeln: Die plurale und multiethnische Gesellschaft integriert Menschen aller Hautfarben, Weltanschauungen und Religionen. Antisemitismus und Versuche, nationalsozialistische Verbrecher zu rehabilitieren aber liegen jenseits einer absoluten Grenze. Hier haben Toleranz und Diskursbereitschaft ein Ende, hier steht das zur Disposition, was den Kern kollektiver Identität der Nachkriegsdeutschen ausmacht. Es geht deshalb in der Debatte um die Papst-Kritik Merkels nicht allein um rational begründbare Formen des Umgangs miteinander.

Genau das macht die Auseinandersetzung zwischen Benedikt und Merkel so pikant: Der absolutistische Herrscher der Kirche trifft auf die Hohepriesterin der Zivilreligion.

Hier wird die Grenzüberschreitung Merkels deutlich sichtbar, auch wenn Detjen dies gar nicht zu erkennen scheint. Die Kanzlerin hat sich in einer Glaubensfrage über den Papst gestellt und verdient deshalb die Bezeichnung Hohepriesterin völlig zu Recht.

Welche Folgen es für das Christentum hat, wenn Auschwitz zur Zivilreligion erhoben wird, bringt Claude Lanzmann auf den Punkt:

Wenn Auschwitz etwas anderes ist als ein Schrecken der Geschichte, wenn es sich der ‘Banalität des Bösen’ entzieht, dann erbebt das Christentum in seinen Grundfesten. Christus ist der Sohn Gottes, der bis zum Ende des Menschenmöglichen gegangen ist, wo er die entsetzlichen Leiden erduldet hat … Wenn Auschwitz wahr ist, gibt es ein menschliches Leiden, das sich mit jenem Christi überhaupt nicht auf eine Stufe stellen läßt … In diesem Fall ist Christus falsch, und nicht von ihm wird das Heil kommen. Fanatismus des Leidens! Wenn nun Auschwitz weitaus extremer als die Apokalypse ist, weitaus schreckerregender als das, was der Johannes in der Apokalypse erzählt (denn die Apokalypse ist beschreibbar und gemahnt sogar an ein großes, hollywoodähnliches Spektakel, während Auschwitz unaussprechbar und undarstellbar ist), dann ist das Buch der Apokalypse falsch, und das Evangelium desgleichen. Auschwitz ist die Widerlegung Christi.

(Aus: Claude Lanzmann, Les Temps modernes, Paris, Dez. 1993, Seite 132,133. – Zitiert nach: http://www.kreuzforum.net/showthread.php?tid=2383) [via]

Und was es heißt, den systematischen Völkermord der Nazis an den Juden “das entsetzlichste Menschheitsverbrechen” zu nennen, fragt Dr. Gunther Maria Michel in seinem Blog karmelblume:

Wenn Sie das Wort “entsetzlichst” elativisch verstehen im Sinne von extrem entsetzlich, dann verstehe ich diese Formulierung und stimmen Ihnen voll zu. Wenn Sie “entsetzlichst” aber superlativisch im Sinne von “entsetzlicher als alle anderen Menschheitsverbrechen” verstehen, dann verstehe ich Sie nicht. Ich vermute jedoch fast, dass Sie es im letzteren, heute allgemein verbreiteten Sinne meinen, so etwa wie das ARD den Holocaust als das “präzedenzlose Verbrechen” und “größte Verbrechen der Geschichte” beschrieben hat.

Ich frage: War der Völkermord an den Sinti und Roma durch die Nazis weniger entsetzlich als der an den Juden? War der Völkermord an den Armeniern und an den Suryoye im Osmanischen Reich in den Jahren 1915 bis 1917 weniger entsetzlich? War der Völkermord in Ruanda im Jahre 1994 weniger entsetzlich? Waren der Holodomor 1932-1933 (früher Hunger-Holocaust genannt) und der Völkermord der Zwangskollektivierung und Kulakenverfolgung durch Josef Stalin, deren Opferzahl von Wissenschaftlern auf 14,5 Millionen Menschen geschätzt wird, weniger entsetzlich? Wenn ja, in welcher Hinsicht?

Hochwürdigster Herr Bischof, bitte helfen Sie mir, Sie zu verstehen. In quantitativer Hinsicht kann das Verbrechen doch nicht entsetzlicher gewesen sein, wie aus der größeren Zahl der Opfer in der Sowjetunion ersichtlich ist. Inwiefern aber in qualitativer Hinsicht? War der Mord an den Juden grausamer als an andern Genozidopfern? Wer wagt es, das Leiden zu vergleichen? War die Absicht der Nazimörder niederträchtiger als die anderer Völkermörder? Wer ist imstande, die Gesinnungen zu beurteilen? Waren die Opfer der Schoah unschuldiger als andere Mordopfer?

Wäre dann nicht jeder Mord an einem ungeborenen Kind entsetzlicher als ein Völkermord, denn ein ungeborener Mensch ist zwar befleckt vom Makel der Erbsünde, aber frei von jeder persönlichen Schuld? Aber wie wir wissen, beträgt die Anzahl der unschuldig ermordeten Kinder weltweit nach offiziellen Schätzungen jährlich mehr als vierzig Millionen! Was also bedeutet Ihr Wort vom entsetzlichsten Menschheitsverbrechen?

Aber vielleicht wollten Sie damit keine geschichtliche, sondern eine metaphysische oder theologische Aussage machen? Sind die Juden allein aufgrund ihrer Geburt andere Menschen als die übrigen Menschen? Etwa nach dem Credo des Südafrikaners in dem Film “München” von Steven Spielberg: “Das einzige Blut, das für mich zählt, ist jüdisches Blut”?

Ich glaube nicht, dass Sie das meinen, hochwürdigster Herr Bischof. Aber was dann? Unter theologischem Aspekt komme ich als Christ nicht umhin, an die Ermordung unseres Herrn, wahren Gottes und Heilands Jesus Christus zu denken, den der Hohe Rat der Juden zum Tode verurteilt und an die Römer zur Hinrichtung ausgeliefert hat. Ist dieser Mord, mit den Augen des christlichen Glaubens betrachtet, nicht entsetzlicher als alle Morde der Menschheitsgeschichte, denn Er, Christus, war doch der einzige unschuldige Sohn Adams, der jemals über diese Erde gegangen ist? Und Er, das unschuldige Lamm Gottes, war, wie Sie und ich und wie auch die Bischöfe und Priester der Piusbruderschaft glauben, das einzige reine und makellose Opfer, das je Gott dargebracht wurde? Was ist dann nach christlichem Glauben präzedenzlos und singulär: Golgotha oder Auschwitz?

All das heißt, dass es hier letztlich um zwei konkurrierende Wahrheitsansprüche geht: Entweder ist der verabsolutierte und zum Götzen erhobene Holocaust wahr oder das Christentum. Man kann nicht zwei Herren dienen. Unterwerfen sich die deutschen Bischöfe etwa deshalb mehrheitlich der Merkelschen Holocaustvergötzung, weil sie Konkordate und Kirchensteuer nicht riskieren wollen?

Die protestantische Pfarrerstochter Merkel als Hohepriesterin einer antichristlichen Zivilreligion? Ein ungewohnter Gedanke. Aber womöglich werden wir uns daran gewöhnen müssen. An unserer neuen Staatsreligion werden wir jedenfalls noch viel Freude haben.