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Irrational Drinking

Scipio hat den 6. Bloggeburtstag gefeiert. Mich erinnert dies daran, dass auch dieses Notizbuch seit nunmehr fünf Jahren geführt wird, wenn auch zuletzt reichlich spärlich.

Die Gründe dafür sind zahlreich und familiärer wie auch beruflicher Natur. Doch auch ein gewisser hiesiger Pflegestau trägt dazu bei. Die Blogroll müsste dringend aktualisiert werden, die Leseliste auch. Nun ja.

Zu den einfacheren Dingen zählt die Lesefrucht des heutigen Freibadbesuches, geschenkt von Gilbert Keith Chesterton in Heretics, den rechten, katholischen Gebrauch des Alkohols betreffend:

Drink because you are happy, but never because you are miserable. Never drink when you are wretched without it, or you will be like the grey-faced gin-drinker in the slum; but drink when you would be happy without it, and you will be like the laughing peasant of Italy. Never drink because you need it, for this is rational drinking, and the way to death and hell. But drink because you do not need it, for this is irrational drinking, and the ancient health of the world.

In diesem Sinne sei das Glas auf Credo ut intelligam erhoben: Ad multos annos!

Wird die neue Messe überleben?

Morgen jährt sich zum ersten Mal das Motu proprio Summorum Pontificum. Diesen Beitrag habe ich Anfang 2007 verfasst, als darüber erst spekuliert wurde. Ich veröffentliche ihn jetzt leicht redigiert.

Jüngst schrieb ich hier diese Zeilen:

Was die neue Messe angeht, so wird die Zukunft zeigen, ob sie sich in den langsam fließenden Strom der liturgischen Tradition einfügen wird oder nicht. Ich halte sie nicht für verwerflich (wer bin ich denn?), aber zweifle inzwischen deutlich an ihren langfristigen Überlebenschancen. Das bleibt abzuwarten.

Was begründet diese Zweifel? Zunächst einmal die Empirie.

  1. Jede einfache Statistik zeigt, dass der säkulare Rückgang der Messbesucherzahlen auch in Zeiten der neuen Messe ungebremst fortschritt. Binnen einer Generation sank der Anteil der Gottesdienstbesucher an den Katholiken in Deutschland von 37,2 Prozent (1969) auf 15,2 Prozent (2003). 1960 waren es 46,1 Prozent, 1950 noch 50,4 Prozent.

    Die absolute Zahl der Messbesucher blieb bis 1969 praktisch unverändert. Der Anteil der Messbesucher an den Katholiken sank nur, weil die Gesamtzahl der Katholiken in Deutschland bis Anfang der siebziger Jahre noch anstieg. Erst seitdem schrumpfen die Zahl der Katholiken wie auch der Anteil der Gottesdienstbesucher und deren absolute Zahl gleichermaßen und in parallelen Trends.

    Nun lässt sich zwar wohlfeil spekulieren, was wohl ohne neue Messe geschehen wäre. Aber diese Betrachtung führt nicht weiter, da keine brauchbare Vergleichsgruppe existiert. Die neue Messe hat jedenfalls den Niedergang nicht aufgehalten.

  2. Seit den frühen siebziger Jahren erleben wir einen demographischen Niedergang im Zeitraffer. Die Zahl der Katholiken sinkt, wie auch die deutsche Bevölkerung schrumpft, weil die Geburtenrate seit dem Pillenknick auf 1,3 bis 1,4 Kinder pro Frau gefallen ist. Die Bevölkerungszahl in Deutschland konnte bis 2002 noch durch Einwanderung stabilisiert werden. Seit 2003 hat die Schrumpfung der Gesamtbevölkerung begonnen. 2005 lag der Sterbefallüberschuss bereits bei 144.432. Durch einen Zuwanderungsüberschuss von 78.953 konnte er nur teilweise kompensiert werden.

    Den katholischen Teil der Bevölkerung trifft dieser Rückgang empfindlich härter, weil unter den Zuwanderern verhältnismäßig wenig, unter den Sterbefällen hingegen relativ viele Katholiken sind. Dazu kommen noch die Kirchenaustritte: 1990 waren es 143.530, im Jahr 2004 noch 101.252.

    Verschärft wird dieser Trend dadurch, dass seit den siebziger Jahren nicht mehr alle Kinder von Katholiken getauft werden. Allein von 1990 bis 2004 sank die Zahl der Taufen von 299.796 auf 200.635 pro Jahr. Noch sehr viel stärker ging die Zahl der Trauungen zurück: von 116.332 (1990) auf 49.178 (2004). Dieser Trend lässt einen weiteren Rückgang der Zahl der Geburten und damit auch der Taufen erwarten.

    Der Niedergang wird noch einmal dadurch beschleunigt, dass er inzwischen in der zweiten Generation angekommen ist: Vermutlich kaum ein Enkel katholischer Großeltern, die ihre Kinder nicht taufen ließen, wird heute getauft. Die nichtgeborenen und nichtgetauften Kinder der siebziger Jahre fehlen heute als Eltern möglicher Täuflinge.

    Katholische Gemeinden in Deutschland vergreisen demnach in einem schnelleren Tempo als die Gesamtbevölkerung. Diese Entwicklung hat sich in den Kirchensteuereinnahmen, die fast ausschließlich vom berufstätigen Teil der Katholiken aufgebracht werden, bereits deutlich gezeigt. Nach 2025 werden die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und das Kirchensteueraufkommen weiter kräftig zusammenschnurren lassen.

    Man verstehe mich nicht falsch: Wo die Ursachen dieser Entwicklung liegen, ist damit nicht gesagt. Keinesfalls will ich die Schuld an verhängnisvollen säkularen Trends der Bevölkerungsentwicklung der Liturgiereform in die Schuhe schieben. Mein Blick geht in die Zukunft: Die Überlebenschancen der neuen Messe (wie der Kirche in Deutschland insgesamt) werden jedenfalls dadurch stark beeinträchtigt, dass die Gemeinden, in denen sie gefeiert wird, in den kommenden Jahrzehnten rasant wegsterben.

  3. Und wie steht es dann um die alte Messe? Auf den ersten Blick noch viel dramatischer, ist sie doch nur in kleinen, traditionalistisch geheißenen Kreisen beheimatet. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, wenn auch meiner Kenntnis nach aus Frankreich und den USA, dass in Gemeinden mit alter Messe die demographischen Trends eher stabil aufwärts weisen.

    Wäre dem so, dann wäre das ein klarer Wettbewerbsvorteil. Beweis wie Widerlegung stehen noch aus.

  4. Häufig wird die Verantwortung allein auf die Priester abgewälzt. Und in der Tat stehen Priester in der Verantwortung für eine würdige Feier der heiligen Messe. Viele werden ihr nicht gerecht. Doch die Gründe für dieses auch in diesem Notizbuch häufig beklagte Versagen liegen tiefer.

    Denn der Schritt vom runderneuerten Messbuch zur schwarzen Ringmappe mit selbstkomponierten Texten ist kleiner als er scheint. Schon mit den ersten Etappen der Liturgiereform des XX. Jahrhunderts hatte ein Prozess begonnen, der allmählich das Hergebrachte und Unverfügbare gegen das Kreative und Gestaltbare eintauschte.

    Wie im Märchen vom Hans im Glück wurde so aus dem schweren und drückenden Goldklumpen des Missale Romanum zunächst das gallopierende Pferd der Liturgiereform, das seinen Reiter abwarf und deshalb gegen die gemächliche Kuh (Verzeihung) der neuen Messe eingetauscht wurde. Der Fortgang ist bekannt: Die Steine, die uns heute nicht selten statt des Brotes gereicht werden, landen am Schluss in der Tiefe des Brunnens. Der glückliche Hans kniet nieder und dankt Gott mit Tränen in den Augen, dass er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihn von den schweren Steinen befreit hat, und springt mit leichtem Herzen und frei von aller Last fort.

    Ja, die Tradition ist eine Last. Das sagt schon das Wort. Mit ihr wird etwas übergeben, überliefert, weitergereicht. Damit ist eine Veranwortung verbunden. Die Überlieferung erfordert Sorgfalt und Respekt. Sie ist ein dynamischer Vorgang. Am Reißbrett wird nicht tradiert, sondern konstruiert.

  5. Die neue Messe trägt die Keime der Selbstzerstörung in sich. Wenn der Papst ein Messbuch promulgieren darf, das sich geradezu dramatisch von allen vorherigen Messbüchern unterscheidet (und das darf er, daran zweifelt eigentlich niemand, der Paul VI. als legitimen Papst anerkennt), dann ist für den naiven Betrachter schwer einzusehen, warum nicht auch das neue Messbuch disponibel sein sollte.

    Denn schließlich stellt es vieles, auch höchst essentielles, zur Wahl: Begrüßungswort, Schuldbekenntnis, Kyrie, de facto die Zahl, oft auch die Länge oder den Text der Lesungen, die Fürbitten, den Gesang zur Gabenbereitung, die Einladung zum Gabengebet, die Präfation und das Hochgebet, die Einladung zum Gebet des Herrn, den Friedensgruß, die Besinnung und den Dankhymnus nach der Kommunion, die Segensformel zur Entlassung und selbst das doppelte Halleluja in der Osterzeit.

    Wo fast alles wählbar ist, ist kein Grund mehr zu erkennen, warum eigentlich der Rest nicht auch veränderbar, gestaltbar sein soll. Und so geschieht es. Die Beispiele sind Legion: Das Tagesgebet und die anderen Orationen lassen sich austauschen, die Lesungstexte sowieso. Eröffungsvers, Antwortpsalm, Hallellujaruf und Kommunionvers entfallen oder werden durch Lieder ersetzt. Der Embolismus stört ohnehin nur, und ein Friedenslied statt des Agnus Dei tut es doch auch. Panta rhei.

Es ist offen, ob es gelingt, die Selbstzerstörung der neuen Messe aufzuhalten und sie in den bereits zitierten langsam fließenden Strom der Tradition einzufügen. Des Hoffens und Wünschens wäre das allemal wert.

Im ersten Jahr nach Summorum Pontificum (und dieses Jahr endet erst im September) hat sich bereits eine gewisse Normalisierung eingestellt. Der vorangegangene, erbitterte Streit um ein noch nicht veröffentlichtes päpstliches Dokument ist fast vergessen. Die Gerüchteküche befasst sich stattdessen mit ersten Schritten einer lang erwarteten Reform der Reform. Keine der Befürchtungen im Hinblick auf die Wiederzulassung des Missale Romanum von 1962 scheint eingetreten, wohl aber die ersten daran geknüpften Hoffnungen.

Hebdomada Sancta et Triduum Paschale

Meine Notizen zu den vergangenen Tagen, angeregt durch Scipio.

15. März: S. Joseph, Sponsi Beatæ Mariæ Virginis
Hochfest, in diesem Jahr vorgezogen. Auch das ist ungewöhnlich. Auftakt zur Heiligen Woche.

16. März: Dominica in Palmis de Passione Domini
Hosanna dem Sohne Davids! Der Jubel verweist schon auf den Ostersonntag.

20. März: Feria quinta in Cena Domini
Die Aushilfsorganistin, die ihre Sache sonst gut macht, spielt nach dem Gloria unverdrossen weiter auf der Orgel. Warum sie die Antiphon zur Fußwaschung, warum ich den Ruf vor dem Evangelium ohne Orgel gesungen habe?

21. März: Feria sexta in Passione Domini
Der nicht so wichtige Pfarrer ersetzt die Großen Fürbitten durch banale Bitten auf kopierten Zetteln nebst gesungenem Fürbittruf von ebensolchen. Warum die Lektoren dabei mitspielen? Schlusskanon: Der Himmel geht über allen auf

22. März: Vigilia Paschalis
Im Schneetreiben mit Eltern, Bruder und Söhnen zur Klosterkirche. Das Osterfeuer im Hof will nicht richtig anbrennen. Beim Exsultet, das ein Diakon singt, will Junior nach Hause. Ich bringe ihn und komme zur dritten Lesung zurück. Anschließend vor der Kirchentür bläst der eiskalte Wind die kleine Osterkerze aus. Später Glühwein für meinen Vater.

23. März: Dominica Paschæ in Resurrectione Domini
Päpstliche Ostermesse auf dem Petersplatz in strömendem Regen. Nach dem Essen am Grab meiner Schwester. Wir bringen ihr eine Osterkerze aus der Vigil. Ein Oster-Festbier von Hasen-Bräu aus Augsburg zum Abendessen. Danach Osterfeuer bei Eiseskälte auf einer matschigen Wiese.

24. März: Feria secunda infra Octavam Paschale
Am Karfreitag hatte mein Vater schon dreimal Geburtstag. Am Ostermontag noch nie. Morgens strahlender Sonnenschein bei Frost. Abends begleiten uns Schneeschauer auf der Heimfahrt.

25. März: Feria tertia infra Octavam Paschale
Wieder zur Arbeit. Heute wurde eine junge Frau beerdigt, die an ihrem Geburtstag starb, wie meine Schwester an Krebs. Sie hinterlässt ihren Mann und ihr beider Kind.

No love without suffering

Anyone who really wanted to get rid of suffering would have to get rid of love before anything else, because there can be no love without suffering, because it always demands an element of self-sacrifice, because, given temperamental differences and the drama of situations, it will always bring with it renunciation and pain.

When we know that the way of love–this exodus, this going out of oneself–is the true way by which man becomes human, then we also understand that suffering is the process through which we mature. Anyone who has inwardly accepted suffering becomes more mature and more understanding of others, becomes more human. Anyone who has consistently avoided suffering does not understand other people; he becomes hard and selfish.

Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.: God and the World

Das ist heute

Friedrich Nietzsche war ein scharfer Kritiker des Christentums. Er hielt die christliche Ethik für ungesund, ja sogar für nihilistisch. In seinem Antichrist schreibt Nietzsche:

Nichts ist ungesunder, inmitten unsrer ungesunden Modernität, als das christliche Mitleid. […] Man verliert Kraft, wenn man mitleidet. […] Mitleiden überredet zum Nichts! … Man sagt nicht „Nichts“: man sagt dafür „Jenseits“; oder „Gott“; oder „das wahre Leben“; oder Nirvana, Erlösung, Seligkeit …“

Wenn Jesus Christus am Gründonnerstag seinen Jüngern die Füße wäscht, dann könnten wir das für ein Beispiel eben dieser christlichen Ethik halten. Der Herr und Meister gibt seinen Jüngern ein Beispiel, damit auch sie so handeln, wie er an ihnen gehandelt hat. Aber was hat Jesus hier eigentlich getan? Er tut den Dienst eines Knechtes, eines Sklaven, der den Gästen vor dem Essen die Füße wäscht, die vom Weg staubig geworden sind.

Der Herr macht sich selbst zum Knecht, zum Sklaven. Im Philipperbrief (2, 6-8) schreibt Paulus, einen Hymnus zitierend, über das Geheimnis der Menschwerdung Gottes:

Christus Jesus war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz.

In der Fußwaschung zeigt sich die Selbsterniedrigung Gottes in Jesus Christus. Gott selbst wird ein Nichts, ein Sklave. Er gibt sich hin, aus Liebe. Er opfert sich selbst. Petrus will das nicht hinnehmen. „Niemals sollst du mir die Füße waschen!“ Die Antwort, die Jesus ihm gibt, ist rätselhaft: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.“ Aber offensichtlich ändert diese Antwort alles. Denn Petrus erwidert: „Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.“

Am Herrn Anteil zu haben ist der Wunsch des Petrus. Er will eintreten in das Geheimnis der Selbsthingabe Gottes, will es selbst mitvollziehen. Das ist Christentum. Das Christentum ist keine Ethik und keine Weltanschauung. Es ist „der Mitvollzug des Daseins Christi“ (Guardini, Der Herr, 463). Das ist es übrigens auch, was in der Liturgie geschieht: Wir treten ein in Christus. Wir vollziehen mit, was Christus getan hat und heute noch tut. Ins Hochgebet werden heute drei Worte eingefügt, die genau dies zeigen:

Am Abend, bevor er für unser Heil und das Heil aller Menschen das Leiden auf sich nahm – das ist heute -, nahm er das Brot in seine heiligen und ehrwürdigen Hände, erhob die Augen zum Himmel, zu dir, seinem Vater, dem allmächtigen Gott, sagte dir Lob und Dank, brach das Brot, reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.

„Das ist heute“. Nicht: „Das war heute vor ungefähr 2.000 Jahren.“ Heute wäscht Jesus Christus seinen Jüngern die Füße. Heute reicht er uns das Brot, das kein Brot mehr ist, sondern sein Leib, der für uns hingegeben wird. Morgen. Am Kreuz.

Die Kirche ist keine Marke. Sagt Hans Küng.

Man nicht sagen, dass ich besonders oft mit Hans Küng übereinstimmen würde. Auch wenn ich „Existiert Gott?“ nach wie vor für ein gutes Buch halte. Aber was er hier im Interview mit der Welt sagt, kann ich unterschreiben:

WELT ONLINE: Sie haben also Vorbehalte gegen den Begriff „Ökumene der Profile“, der von evangelischer Seite in die Diskussion eingeführt wurde?
Küng: Wenn die evangelische Kirche sich nur noch profilieren kann, indem sie sich absetzt einerseits von Rom und andererseits vom Islam, dann verleugnet sie im Grunde das, was in der ökumenischen Bewegung längst deutlich wurde: dass wir uns nicht gegenseitig zu profilieren suchen. Begriffe wie Profilierung stammen aus der Geschäftswelt. Man betrachtet da die Kirche als eine Marke. Aber eine christliche Glaubensgemeinschaft ist keine Marke. Der Konkurrenzbegriff, der damit eingeführt wird, ist nicht der richtige Begriff für die Beziehungen der Christen untereinander, die ja Geschwister in Christus sein sollen.