Alle Artikel von mr94

Eigenes Fundament

Philipp Mißfelder, JU-Bundesvorsitzender, heute bei Phoenix zur neuen Leitkultur-Debatte:

„Norbert Lammert wird den Dialog mit den kulturellen Eliten in diesem Land viel besser führen können, als ein Friedrich Merz das tun könnte. Er hat als Bundestagspräsident diese Diskussion angestoßen und wir werden ihn dabei unterstützen.“

Und zur jüngsten Diskussion über ein Kopftuch-Verbot an Schulen und den Umgang mit dem Islam sagt Mißfelder:

„Ich glaube, dass gerade die Verängstigung im Umgang mit dem Islam in unserem Land damit zusammenhängt, dass man sich in vielen Stellen nicht mehr bewusst ist, was eigentlich das eigene Wertebewusstsein, was die eigene Basis, das eigene Fundament ausmacht.“

Ich bin Fundamentalist

Wäre auch ein schönes T-Shirt, oder?

Weil’s anderorts gerade diskutiert wird: Ich weiß, dass ein Haus ein Fundament braucht. Nicht zuletzt deshalb, weil ich in einem Haus ohne Fundament wohne und also weiß, welche Nachteile das hat. Da werden nämlich schnell die Wände feucht.

Das Christentum ist eine fundamentalistische Religion und sollte eine bleiben.
Thomas Assheuer, zit. in der Tagespost [Scipio]

Wirkliche und geglaubte Kirche

Vor vierzig Jahren meinten evangelische Theologen: Nur die Schriften zur Zeit der reformatorischen Entscheidung zeigten den wirklichen Luther: Seine Theologie sei durchdrungen vom Gedanken der Alleinwirksamkeit Gottes, von dessen Vorherbestimmung des Menschen und damit von der Unfreiheit des Willens. Gott wirke allein durch das Wort. Wer es predige, sei belanglos. (Welch extremes Wort/Glaube-Verständnis Luther zeitweilig vertrat, zeigt seine Aussage: „Also kann ich täglich, ja alle Stunden die Messe halten, indem ich, sooft ich will, mir kann die Worte Christi vorhalten und durch sie meinen Glauben speisen und stärken. Das ist recht geistlich essen und trinken.“) Der Glaube sei Gottes Werk „in uns und ohne uns“. In wem Gott Glauben wirke, stehe ihm frei. Nur Gott kenne die Glaubenden. Also sei die Kirche unsichtbar. Die unsichtbare Kirche habe kein sichtbares Haupt: Darum habe Luther die sichtbare Kirche mit dem Papst abgelehnt (nicht also nur schlechte Päpste).

Man muss aber den ganzen Luther ernst zu nehmen und darf ihn nicht auf Extremaussagen zur Zeit der antipäpstlichen Entscheidung beschränken: Luthers Katechismen von 1529 gehören ebenso zu den Bekenntnisschriften; Wort und Sakramente bilden die Grundpfeiler von Kirche – nicht das Wort ohne das Sakrament (Confessio Augustana 7). Die geglaubte Kirche ist auch erkennbar: Darin besteht allgemeine Überzeugung.

Heinz Schütte: Wie sah Luther das geistliche Amt in der Kirche? Die Tagespost, 24.10.2002.

Sichtbare und unsichtbare Kirche

Ohne Christus keine Kirche. Das bedeutet: In der sichtbaren Gemeinschaft der Kirche zeigt uns Christus, dass er bei uns ist. Durch die Kirche schenkt er uns das Heil, sich selbst. Man kann die Kirche darum nicht aufteilen in eine sichtbare und eine unsichtbare Kirche. Sie ist vielmehr, wie das Konzil lehrt, „eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst“ (LG 8). Sie ist beides zugleich: sichtbare Versammlung und geistliche Gemeinschaft; sie ist eine Gemeinschaft, die von den Nachfolgern der Apostel geleitet wird, und der geheimnisvolle Leib Christi (vgl. a.a.O.). Das bedeutet aber auch: Wer sich von der Kirche abwendet, wendet sich von Jesus Christus ab.

Aus dem Fastenhirtenbrief 2004 von Friedrich Kard. Wetter

Zugang zu Luther

Geronimo zitiert ausführlich aus dem Buch der Ketzer von Walter Nigg und schließt diese Bemerkung an:

„Mir kommt es vor, als hätte der allergrößte Teil der Protestanten von heute den Zugang zu Luther völlig verloren (ich bezweifle auch, dass der allergrößte Teil der Protestanten ihn überhaupt jemals gehabt hat).

Ich sag nur eines:

Tolle Sache, Martin, deine Bibelübersetzung!“

Wäre das nicht eine Lösung für die Affaire Einheitsübersetzung? Eine katholische Revision der Lutherbibel, das wär’s doch…

Dünkel

Der Freitag resümiert die ehemalige Leitkultur-Debatte und haut dann kräftig auf die Kacke:

„Den Begriffen ‚deutsche Leitkultur‘ und ‚christliches Abendland‘ ist gemeinsam, dass sie als gegeben unterstellen, was es nie gegeben hat. Die Vorstellung einer ethnisch homogenen Nation oder einer nationalen Kultur – sie ist ebenso Legende und Mythos wie die zum Idyll verklärte Wertegemeinschaft, die eine sozial zerklüftete Gesellschaft einzuebnen meint. Um das ‚christliche Abendland‘ steht es kaum besser, außer Christen gab es in Europa immer auch Heiden, Ketzer, Juden, Muslime und Atheisten. Die zitierten Begriffe leben von Chauvinismus und religiösem Dünkel. Mit ihnen sollen in pluralistischen Gesellschaften Mehrheiten zusammengeleimt werden. Tatsächlich bilden sie Instrumente zur Ausgrenzung und Diskriminierung von Minderheiten, Andersgläubigen und Andersdenkenden.“

Na dann…

Berger reloaded

In der Zeit erklärt heute Klaus Berger, nach wie vor Neutestamentler an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg (und nicht „ehemaliger Professor“, wie der Perlentaucher schreibt), warum er jahrelang offiziell Mitglied der evangelischen Kirche war, heimlich aber immer Katholik geblieben ist.

„Ich wollte Priester werden und durfte es nicht, weil ich Positionen vertreten habe, die die katholische Kirche nicht hören wollte. So begann ein Weg, den nur Menschen verstehen, die ohne Wenn und Aber lieben. Hätte ich die ‚formelle Mitgliedschaft‘ in der katholischen Kirche bewahrt, ich hätte mein Leben nicht leben können.“ [Perlentaucher]

Ohne ihm zu nahe treten oder gar die seltsame Attacke von Robert Leicht rechtfertigen zu wollen: Ein bisschen weinerlich klingt das schon.

Im Aufmacher [1,50 EUR] des FAZ-Feuilletons kommentiert Edo Reents den Fall des „katholischen IM“ (Perlentaucher) und regelmäßigen FAZ-Autors: Dies sei ein „einzigartiger Fall einer gelebten Ökumene“.